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Addyi oder Flibanserin – Ein Antidepressivum gegen Grey- und Asexualität

Ab Oktober 2016 wird in den USA voraussichtlich eine sogenannte Lustpille für Frauen vertrieben. Hinter dem Namen Addyi versteckt sich das Medikament Flibanserin, welches ursprünglich in Deutschland als Antidepressivum entwickelt wurde. Es soll bei sexunwilligen Frauen die Libido anregen.

Nun ist der grundsätzliche Gedanke nicht neu. Wer schon einmal ein Emailpostfach genutzt hat, wird sicherlich auf Werbung von potenzsteigernden Medikamenten für Männer gestoßen sein. Viagra ist hier der Klassiker. Doch während Viagra in erster Linie die Blutzufuhr im Körper reguliert, geht Addyi ein Stück weiter. Addyi greift in das Gehirn und den Hormonhaushalt ein und hat direkte Auswirkungen auf die Psyche.

Tagesschau.de weiß zu berichten: „Zwischen 10 und 40 Prozent aller Frauen unter 50 leiden unter mangelnder Libido, schätzen Mediziner.“ Spiegel.de betont: „Nach Angaben von Medizinern ist in Deutschland etwa jede dritte Frau betroffen.“ Diese Aussagen muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Abgesehen von der enormen Spannbreite der Schätzung, die nicht unbedingt auf eine aussagekräftige Studie schließen lässt, ist die Botschaft: bis zu 40% dieser Frauen haben eine Libido, die nicht dem Standard entspricht. Bei dieser Zahl muss man sich schon fragen, ob man in diesem Zusammenhang noch von einem Mangel sprechen kann oder ob es nicht eher eine gewöhnliche Einstellung in einer statistischen Normalverteilung ist, die nur von einer sexuell und männlich dominierten Gesellschaft als Störung angesehen wird.

Nicht nur aus feministischer, sondern auch aus (grey)-asexueller Sicht ist die Zulassung dieses Medikaments höchst problematisch, denn hier wird eine Abweichung von der Norm als Krankheit (oder zumindest Störung) pathologisiert, die es zu behandeln gilt. Wenn eine Frau eine geringe Libido besitzt, so ist das laut gängigem Tenor eine Gefährdung der Partnerschaft und der Familie. Die Möglichkeit, dass jede Frau ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und damit auch ein Recht auf Verzicht auf Sex hat, wird gar nicht erst in Betracht gezogen, weil es gesellschaftlich verpönt ist.

Liberal eingestellte Menschen mögen nun sagen: Kein Problem! Niemand wird gezwungen, dieses Medikament zu nehmen. Frauen, die asexuell leben möchten, verzichten auf die Pille. Frauen, die darunter leiden, können sie kaufen. Ganz so einfach ist die Situation nicht, wenn man gesellschaftliche Zwänge und Machtstrukturen nicht komplett ausblendet.

Der asexuellen Aktivismusbewegung ist der Kampf gegen die Pathologisierung der sexuellen Orientierung nicht neu. Asexualität ist immer noch in weiteren Teilen der Bevölkerung völlig unbekannt und mit zahlreichen Vorurteilen behaftet. Das führt dazu, dass zahlreiche asexuelle Menschen (Studien gehen von 1% bis 5% der Bevölkerung aus) selbst gar nicht wissen, dass sie asexuell sind bzw. damit keine gleichberechtigte sexuelle Orientierung verbinden, sondern eine Krankheit. Viele Mediziner*innen und Psychotherapeut*innen begegnen Asexualität nicht zunächst mit Aufklärung, sondern mit der Verschreibung von Medikamenten oder Therapien zur Förderung der Libido. Es kann davon ausgegangen werden, dass Addyi ein neues Instrument in diesem Werkzeugkasten wird, welches Aufklärung über ein asexuell selbstbestimmtes Leben weiter unterdrückt.

Bekanntlich hat jedes Medikament gewisse Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die auch bei Addyi nicht ausleiben. Zusätzlich zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Angstzuständen, Ohnmacht und Erbrechen dürfen auch die Kollaterialfolgen der langfristigen Hormonregulierung auf Psyche und Körper nicht unbeachtet bleiben. Weiterhin ist die Wirkung von Addyi sehr strittig. Experten gehen davon aus, dass die Tablette nur etwa zehn Prozent der Betroffenen hilft. Untersuchungen zeigen, dass Frauen mit diesem Wirkstoff weniger als einmal mehr Sex pro Monat hatten. Jeder Mensch sollte sich fragen, ob hierzu ein ständiger Eingriff in den eigenen Hormonhaushalt mit all seinen Konsequenzen die geeignete Wahl ist.

Das immer noch vorhandene Machtgefälle zwischen Männern und Frauen in cisnormativen und heteronormativen Beziehungen kann schnell dazu führen, dass die Sexualerwartung in einer Beziehung allein vom Mann definiert wird. Asexuelle weltweit zeigen jedoch, dass erfüllte Beziehungen ohne Libido möglich sind, wenn eine Aufklärung der Partner*in stattfindet. Die Aufklärung über Asexualität und ein selbstbestimmtes Sexualleben sollte vor jeder medikamentösen Therapie durchgeführt werden. Wenn eine fehlende Libido und damit die Enttäuschung einer Erwartungshaltung der Partner*in zu Problemen in einer Beziehung führt, so ist dies ursächlich nicht das Problem der asexuellen Person, sondern der inkorrekten Erwartungshaltung. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt auch das Recht auf Sexualverzicht ein. Wenn eine Therapie stattfindet, so sollte das Problem als Erwartungsproblem aller beteiligten Personen definiert und nicht leichtfertig über die einseitige Einnahme von Medikamenten geregelt werden.

Quellen:

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Arbeitsame Weihnachten im Blog

Die offizielle Eröffnung des Blogs rückt näher. Noch sieht man nicht viel, aber im Hintergrund wird allerhand gearbeitet. Interviews werden organisiert und für das gesamte Jahr 2015 geplant. Definitionen werden aus Fachwerken herausgesucht. Das Layout der Seite wird festgezurrt und in freien Minuten werden sogar Comicillustrationen erschaffen.

Bei all der Arbeit interessiert mich natürlich auch, was ihr so von einem Blog über Asexualität erwartet. Welche Themengebiete würdet ihr gerne sehen? Zu welchen Fragen wünscht ihr euch Informationen oder Übersichten? Oder hättet ihr Interesse als Asexuelle zum Thema Asexualität interviewt zu werden?

Lasst es mich wissen!