Archiv der Kategorie: Sexuelle Orientierung

Ist Asexualität queer bzw. Teil der LGBT-Community?

Im Rahmen der diesjährigen AktivistA 2015 wurde ein Workshop von tschellufjek zum Thema „Wir und Queer“ angeboten. Kern des Workshops war die Frage, ob sich die Asexualitätscommunity als queer und als Teil der LGBT-Community versteht. Bevor ich zur eigentlichen Fragestellung komme, möchte ich jedoch die Begriffe zunächst für Nichtwissende erläutern.

Das Wort „Queer“ ist ein ursprünglich englischsprachiges Wort, welches wörtlich übersetzt „seltsam“ oder „sonderbar“ heißt. Es wurde lange Zeit in einem negativem Sinne genutzt, um abfällig über Menschen (z.B. Homosexuelle) zu reden, die irgendwie anders waren. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff eine Bedeutungsänderung und bezeichnet heute im neutralen Sinne Menschen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Hiermit sind insbesondere sexuelle Orientierungen wie Homosexualität oder Bisexualität, sowie Abweichungen in der Geschlechtsidentität wie Transsexualität oder nichtbinäre Identitäten gemeint.

Der Begriff „LGBT“ ist eine englischsprachige Abkürzung für die Begriffe Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. Er bezeichnet damit eine Sammlung von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. Gelegentlich wird der Begriff um weitere Buchstaben wie LSBTTIQ (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell, Queer) erweitert. Der Begriff wird vor allem im politischen Bereich genutzt, um zu signalisieren, dass alle Einzelidentitäten Gemeinsamkeiten besitzen, die ein Vorgehen als Gesamtgruppe sinnvoll werden lassen. Häufig ist hiermit das öffentlichkeitswirksame Ansprechen von Diskriminierung und der politischer Einfluss in Parlamente verbunden.

Die für diesen Blog bedeutende Frage ist: Sind Asexuelle Teil der LGBT-Gemeinschaft bzw. sind Asexuelle queer?

Die Beantwortung der Frage ist meines Erachtens direkt mit dem Selbstverständnis von Asexuellen und der Definition von Asexualität verbunden. In der internationalen Community wird Asexualität als Abwesenheit von sexueller Anziehung definiert. So wie sich Homosexuelle von Menschen des gleichen Geschlechts sexuell angezogen fühlen, so fühlen sich Asexuelle von gar keinen Menschen sexuell angezogen. Asexualität hat demnach den Status einer sexuellen Orientierung und ist damit gleichwertig zu Homo- und Bisexualität zu führen.

Wissenschaftlich belegt ist die Tatsache, dass offen lebende Asexuelle gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt sind (siehe z.B. [1] und [2]). Asexuelle weichen also nicht nur offensichtlich von der sexuellen Norm ab, sondern leiden bei offen gelebter Asexualität auch unter deren Machtstrukturen. Asexualität wird in medizinischen Kreisen immer noch mit einer Störung oder Krankheit verbunden: es wird versucht sie zu heilen statt zu akzeptieren. Dies sind ähnliche Probleme, wie sie auch andere sexuelle Orientierungen erleben bzw. erlebten.

Wenn eine Gruppe gemeinsame Probleme und Diskriminierungserfahrungen teilt, ist es sinnvoll dagegen gemeinsam vorzugehen. In demokratischen Systemen, in denen es um die Suche nach Mehrheiten geht, fallen Einzelinteressen schnell unter den Parlamentstisch. Es ist deswegen meiner Meinung nach nicht nur thematisch richtig, dass sich Asexuelle als Teil der LGBT-Bewegung sehen, sondern auch ganz pragmatisch in ihrem Interesse, wenn sie eine Wandlung im gesellschaftlichen Bewusstsein anstreben möchten.

Auch AktivistA als Verein für die Sichtbarmachung für Asexualität spricht sich für die Einsortierung von Asexualität unter den queeren Schirm aus. Es soll dabei allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass ich selbst dort Mitglied (und seit gestern zweiter Vorsitzender) bin.

Gelegentlich finden sich Stimmen von Asexuellen, die sich selbst nicht als queer oder Teil der LGBT-Community sehen. Die Einstellung wird häufig damit begründet, dass sie persönlich keine Verbindung zu Queer-Gruppen haben möchten und insbesondere die offene Auslebung von Sexualität auf den Christopher Street Days abschreckend finden. Das ist eine legitime Einstellung, der ich nicht widersprechen möchte. Es ist allerdings auch eine Individualeinstellung, die ein wenig an der Fragestellung vorbei geht. Nur weil man Asexualität als Teil der LGBT-Identitäten sieht, muss es nicht heißen, dass auf individueller Ebene jede*r Asexuelle sich als Teil der LGBT-Community sehen muss. Unter gleicher Logik gibt es auch einige Homosexuelle, die sich nicht als queer oder Teil der LGBT-Community begreifen, obwohl Homosexualität als Identität und Struktur unter den LGBT-Schirm fällt.

Mein persönliches Fazit: Asexualität als Identität kann von einer Inklusion in den LGBT-Schirm nur profitieren. Nicht jede*r Asexuelle muss sich als Teil der LGBT-Community sehen, aber ein gemeinsames politisches Engagement hilft allen Gruppen, um politische Forderungen und gesellschaftliche Aufklärung voranzutreiben.

Quellen:

  • [1]: Prause, N. & Graham, C.. „Asexuality: classification and characterization“, Archives of Sexual Behavior, 36(3) (2007)
  • [2] Group Processes Intergroup Relations-2012-MacInnis-136843021244241
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Heterozentrismus in der heutigen Zeit

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von tschellfujek.

Im Jahr 2006 wurde eine sehr interessante Dokumentation über Judith Butler mit dem Titel Judith Butler, Philosophin der Gender für Arte erstellt, welche die US-amerikanische Philosophin und Philologin, bekannt für ihre Arbeiten zur feministischen Theorie und als Urheberin der sogenannten Queer-Theorie, durch ihren Alltag begleitet und dabei ihren Werdegang, insbesondere im Hinblick auf ihre Arbeit zum Thema Gender, beleuchtet. Die Doku kann komplett auf Youtube angeschaut werden, wobei sie dort in sechs Teile gesplittet ist. Ich bin erst vor wenigen Tagen auf diese sehr gelungene Doku gestoßen, die in vielerlei Hinsicht mal wieder beleuchtet, wie latent intolerant unsere Gesellschaft noch immer ist. Während der öffentliche Diskurs mittlerweile Minderheitengruppen immer mehr  Raum zugesteht* und dabei auch zunehmend offener und toleranter mit diesen in der Berichterstattung umgeht , können wir auf Youtube und durch einzelne Vorfälle immer wieder feststellen, dass sich die Mentalität der Gesellschaft noch nicht ausreichend verändert hat, um einen freundlichen Umgang zwischen allen Gesellschaftsgruppen zu ermöglichen. Die Kommentare zu der auf Youtube gezeigten Doku über Butler zeigen dies auf eine sehr brutale Art und Weise. Einen Kommentar möchte ich hier gerne vorstellen, weil er eine Trotzreaktion enthält, die symptomatisch ist für die teils starke Ablehnung von Personen, die sich gewissen Normen nicht anpassen.

Der Kommentar ist ziemlich lang. Ich möchte daher nur zwei Sätze präsentieren und kommentieren:

1. So gay academia , or ‚queer‘ academia,  largely star jewish feminists and very few males, and probably no straight male at all.

Die Tatsache, dass es anscheinend keinen heterosexuellen, männlichen Vertreter der Queer-Theorie gibt und sich, der Meinung des Verfassers dieses Kommentars zufolge, größtenteils jüdische Feministinnen in diesem Gegenstandsbereich tummeln, ist für den Verfasser Grund genug, diese wissenschaftliche Theorie in Frage zu stellen bzw. abzulehnen. Seine Aussage verkennt dabei völlig die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens. Natürlich ist eine hundertprozentige Objektivität für keinen Menschen erreichbar. Wir interessieren uns meistens für Sachen, die uns persönlich bewegen und begeistern. Eine Schnittstelle zwischen subjektiven Empfinden und objektiver Betrachtung ist daher unvermeidlich. Das wäre aber auch der Fall bei einem männlichen, heterosexuellen Wissenschaftler, der aus persönlichem Interesse (welches stets einer wissenschaftlichen Arbeit vorausgeht, da niemand sonst sich jahrelang mit einer Materie auf solch akribische Art und Weise beschäftigen könnte) sich mit den Queer- oder Gender-Themen befassen würde. Was die Religion hier für eine Rolle spielt, ist mir gänzlich unbekannt.

This is what queer prophet Butler offers society. Nothing.
Basically it’s nihilism, decadence and totalitarianism in disguise.

Das Konzept einer geschlechtlichen Binarität streng beizubehalten und alle Menschen in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ samt der damit einhergehenden Verhaltenscodexe zu stecken, sei jedoch nicht totalitär? Dabei sagt Judith Butler in einem Teil der Doku ganz explizit, dass sie gegen die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit nichts einzuwenden hat, solange diese von den einzelnen Personen selbst für gut befunden und für sich persönlich angenommen werden und Menschen, denen es nicht so geht, respektiert werden. Was hat das mit Totalitarismus und Nihilismus zu tun?? Sie bestreitet ja nicht die Existenz eines männlichen und eines weiblichen Geschlechts. Auf sprachlicher Ebene ist festzustellen, dass ihre Erklärungen und Formulieungen deutlich vorsichtiger ausgedrückt sind, wenn sie sich auf die Gesellschaft allgemein bezieht als wenn sie über sich persönlich spricht. Der Begriff „queer prophet“ ist ebenfalls sehr interessant, da Butler zu Beginn der Doku sagt, dass sie zwar lesbisch ist, jedoch nicht mit allem einverstanden ist, was Lesben oder allgemein die Queer-Bewegung von sich gibt. Ähnlich wie Amin Maalouf in seinem Aufsatz Mörderische Identitäten betont, spricht auch sie von multiplen Zugehörigkeiten, die ihre Identität konstruieren. Sie ist wahrscheinlich die letzte Person, die sich als queer prophet bezeichnen würde.

Dieser Kommentar ist, meiner Meinung nach, eine Trotzreaktion auf eine Theorie, die die altbekannte vertraute Welt ein wenig ins Wanken bringt. In der interkulturellen Kommunikation wird bei einer solchen Haltung von Ethnozentrismus gesprochen, welcher sich durch eine überhöhte Wertschätzung der eigenkulturellen Prägung und der damit einhergehenden Ignoranz und Intoleranz gegenüber anderen Kulturen auszeichnet. Ich denke, dass sich dies auch wunderbar auf Heteronormativität und auf den Umgang vieler Menschen mit dem Thema Gender anwenden lässt. Den Begriff „Heterozentrismus“ gibt es bereits. Ein sehr krasses Beispiel für einen solchen Heterozentrismus wird von Judith Butler in der hier erwähnten Doku gegeben. Sie erzählt von einem Jungen aus dem US-Bundesstaat Maine, der aufgrund seiner femininen Gangweise von Jungen aus seinem Dorf schikaniert, geschlagen und schließlich getötet wurde.

Ich stelle immer wieder fest, dass die Diskriminierung von Leuten anderer sexueller/romantischer Orientierungen und anderer Geschlechtskategorien von der Gesellschaft als  Schnee von gestern angesehen wird, da beispielsweise Homosexualität mittlerweile auch im Fernsehen gezeigt wird und eine öffentliche Diskriminierung heutzutage fast undenkbar ist, ohne Protestaktionen auszulösen. Dabei wird leider vergessen, dass eine nicht direkt verbal ausgedrückte Bedrohung (siehe Beispiel oben) oder Diskriminierung nicht bedeutet, dass sie nicht besteht.

Es ist zum Beispiel schon sehr diskriminierend, wenn 80% seiner eigenen Identität untergehen, weil die Zugehörigkeit zu einer sexuellen oder romantischen Minderheit immer noch für so exotisch befunden wird, dass manche Leute einen fast ausschließlich mit dieser Zugehörigkeit assoziieren. Warum wird die Homosexualität einer Judith Butler dermaßen betont bei der Beurteilung ihrer wissenschaftlichen Arbeit? Und warum regen sich dieselben Leute, die die Homosexualität einer Person bei der Beurteilung ihres professionellen Schaffens so hervorheben, darüber auf, wenn Homo(a)sexuelle selbst ihre queere Identität betonen? Dann werden diese sofort an den Pranger gestellt, weil sie sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollen.

In der interkulturellen Kommunikation könnten wir an dieser Stelle, nach dem Phasen-Modell interkulturellen Lernens von Milton Bennett, von einem Wechselspiel zwischen Denial und Defense sprechen. Denial ist die erste Phase des Modells und beschreibt einen Zustand, indem kulturelle Unterschiede nicht oder nur selektiv oder oberflächlich wahrgenommen werden und die Sensibilität für andere Kulturen nur sehr schwach ausgeprägt ist. In der Defense-Phase hingegen werden kulturelle Unterschiede zugestanden, allerdings werden sie negativ beurteilt. Um dies auf den Umgang mit sexuellen/romantischen und Gender-Minderheiten (ich schaffe jetzt mal einfachheitshalber diesen Begriff) zu übertragen, würde ich sagen, dass wir momentan mit zwei problematischen Reaktionen bzw. Positionen zu kämpfen haben:

  1. Die Ansicht, dass heutzutage keinerlei Diskriminierung und Ausgrenzung von solchen Minderheiten stattfindet und wir alle gleich sind.
  2. Die Ansicht, dass wir uns selbst ausgrenzen und unsere Lebensformen keine Daseinsberechtigung haben, wobei diese Haltung sich nicht unbedingt in Gewalt oder offener Schikane ausdrückt.

Diese zwei Einstellungen wirken zunächst harmlos, sind aber beide problematisch, da sie die Realität nicht anerkennen, akzeptieren und/oder respektieren.

* zwar nicht wahnsinnig viel, aber ein Fortschritt ist deutlich zu erkennen

Warum Asexualität keine Antisexualität ist

oder: Warum A*-Kategorien keine Antihaltung begründen

Ich werde im Laufe der nächsten Absätze häufiger das Wort A*-Menschen nutzen. Mit A*-Menschen meine ich Menschen, die sich einer A*-Kategorie zugeordnet fühlen. A*-Kategorien sind alle Kategorien, die im Bereich der sexuellen Orientierung mit einer „a“-Vorsilbe betitelt werden, insbesondere Asexualität, Aromantik und Aplatonik.

A*-Menschen ist gemein, dass sie einen Grad des Nichtverlangens teilen. Dieses Nichtverlangen drückt sich zum Beispiel dadurch aus, keine sexuelle Erregung, kein Bedürfnis nach romantischen Beziehungen oder kein Bedürfnis nach Freundschaften zu verspüren. A*-Menschen wählen ihre A*-Zugehörigkeit nicht bewusst aus Überzeugung, sondern sie ist ihnen (möglicherweise seit Geburt) vorgegeben.

In der Gesellschaft, wie auch innerhalb der verschiedenen A*-Communities, wird die Existenz eines Nichtverlangens häufig mit der Ablehnung der Tätigkeiten gleichgesetzt, die auf diesem Verlangen aufbauen. So wird Asexuellen nachgesagt, sie würden Sex grundsätzlich ablehnen oder einen Ekel davor verspüren. Dies ist nicht korrekt.

Asexuelle verspüren kein Verlangen nach sexueller Interaktion und/oder keine sexuelle Anziehung zu Menschen jeglichen Geschlechts. Dies bedeutet nicht zwangsweise, dass Asexuelle keinen Sex haben. Viele Asexuelle führen sexuelle Handlungen durch; sei es zur Befriedigung einer sexuellen Partner*in oder ihrer eigenen Libido, obwohl sie sich nicht durch andere Menschen angezogen fühlen. Ebenso ist sexuelle Erregung durch Objektfetische denkbar. Sex wird also nicht abgelehnt und kann durchaus Spaß machen – es ist nur kein Verlangen oder keine Anziehung zu anderen vorhanden.

Nicht-A*-Menschen ist dieser Unterschied gelegentlich schwierig zu vermitteln. Sexuelle Menschen können sich kaum bis gar nicht vorstellen, wie es ist, kein sexuelles Verlangen zu empfinden. Selbst wenn man Menschen erklärt, dass hieraus keine zwingende Ablehnung von Sexualität folgt, so scheint es nur Vorstellungen zwischen positiver und negativer Beziehung zu Sexualität zu geben.

Das Nichtvorhandensein einer Empfindung ist ein Zustand, der einigen Menschen noch fremder und unangenehmer ist als Ablehnung. Nicht grundlos ist das Adjektiv „gefühlslos“ negativ besetzt. Wer nicht fühlt, wer nicht mit Leidenschaft liebt oder hasst, der kann nach allgemeiner Auffassung kein guter Mensch sein. Belege für diese These werden natürlich nicht vorgelegt. Wenn in der alltäglichen Kommunikation durch Gesten und Worte positive Gefühlsreaktionen ausbleiben, so wird dem Gegenüber nichts Gutes unterstellt. Im besten Fall ist er einfach „seltsam“, im schlechtesten Fall wird es als Desinteresse, Arroganz oder Antipathie gewertet.

A*-Menschen bleiben als Reaktion im Grunde nur zwei Dinge übrig: entweder sie vermeiden Kommunikation mit Nicht-A*-Menschen oder sie lernen die Dinge bewusst und berechnend anzuwenden, die andere Menschen auf unbewusster Ebene durchführen. Beides sind Verhaltensweisen, die aus Sicht von A*-Menschen nicht wünschenswert sind, denn A*-Menschen sind nicht verantwortlich für das Nichtvorhandensein ihrer Empfindung und selbst ,wenn sie es wären: es ist nichts Schlechtes daran.

Was bleibt? Viele Kommunikationsprobleme entstehen dadurch, dass die Existenz von A*-Charakteristika in der Gesellschaft weitestgehend unbekannt ist und deswegen bei der Bewertung einer Person nicht berücksichtigt werden. Dies wird sich nur ändern, wenn A*-Menschen damit beginnen, ihre Abweichung von der Norm öffentlich zu machen und darüber zu reden. Das Internet bietet hierfür geeignete Möglichkeiten, um gleichzeitig einen relativen Grad der Anonymität zu wahren. Hilfreich kann es auch sein, sich den vielen A*-Communities anzuschließen und an gemeinsamen Veranstaltungen teilzunehmen.

Aus einigen dieser Überlegungen hat sich der Aufbau dieser Webseite begründet. Über die Notwendigkeit von Aktivismus in A*-Kategorien habe ich schon am Beispiel von Asexualität gebloggt. Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an interessierte Menschen, die sich nicht der jeweiligen A*-Kategorie zugehörig fühlen, aber dennoch einen Teil dazu beitragen möchten, dass sich A*-Menschen in der Gesellschaft wohler fühlen.

Inspiriert wurde dieser Beitrag von Wir sind die Bösen von Carmilla de Winter.

Asexualität braucht Aktivismus

Baumstammwerfen – eine unterschätzte Sportart

Beschäftigt ihr euch in eurer Freizeit mit Baumstammwerfen? Vermutlich nicht. Engagiert ihr euch in einem Verein zur Pflege der Kultur von Nichtbaumstammwerfern? Wahrscheinlich nicht. Warum eigentlich nicht?

Eventuell aus dem Grund, dass das Nichtbaumstammwerfen in eurem Leben keine Rolle spielt. Ihr habt mit anderen Nichtbaumstammwerferinnen zunächst nur gemein, dass ihr gemeinsam keine Baumstämme werft. Das ist nicht unbedingt eine Eigenschaft, die einer besonderen Pflege oder Kommunikation bedarf. Ihr könnt euch zwar zum gemeinsamen Nichtbaumstammwerfen treffen, aber dieses Treffen ist nur durch die Abwesenheit einer Tätigkeit definiert. Diskussionen über die Technik des Nichtbaumstammwerfens dürften ebenso etwas müßig werden.

Die Macht der Baumstammwerferinnen

Die Sachlage gestaltet sich allerdings ein wenig anders, wenn ihr in einer Welt von Baumstammwerferinnen lebt. Es kann sehr nervig sein, wenn eure Nachbarinnen jeden Tag ungefragt Baumstämme in euren Garten werfen, weil sie davon ausgehen, dass ihr sie freudig gern zurückwerfen werdet. Sie denken sich dabei nichts Böses, aber den Schaden habt ihr trotzdem. Irgendwann liegen so viele Baumstämme in eurem Garten, dass ihr euch in eurem eigenem Zuhause nicht mehr bewegen könnt. Was macht ihr nun?

Plötzlich gibt es einen Grund, sich mit anderen Nichtbaumstammwerferinnen zu treffen. Ihr könnt euch darüber austauschen, wie ihr mit den ganzen Baumstämmen in eurem Garten umgeht. Haben andere Nichtbaumstammwerferinnen Möglichkeiten entwickelt damit umzugehen? Vielleicht bildet ihr Fahrgemeinschaften, um die Baumstämme loszuwerden. Eventuell ist es sinnvoll, sich politisch zu organisieren, um das Recht auf eine baumstammlose Privatsphäre durchzusetzen.

Asexuelle teilen einen Grad der Nichtsexualität

Nein, Asexualität ist nicht wie Nichtbaumstammwerfen. Dies beginnt schon damit, dass Asexualität als sexuelle Orientierung nicht wie ein Hobby oder ein Beruf frei gewählt wird. Asexuelle suchen sich nicht aus, asexuell zu sein – sie sind es. Der freiwillige Verzicht auf Sexualität wie in einem Zölibat hat nichts mit Asexualität zu tun. Weiterhin beschreibt Asexualität im Gegensatz zum Nichtbaumstammwerfen keine Tätigkeit, sondern einen inneren Zustand. Asexuelle haben mitunter durchaus sexuellen Verkehr, zum Beispiel zu Befriedigung einer sexuellen Partner*in.

Die Parallele beginnt bei der Umschreibung einer Nichtexistenz und der Frage, warum sich Menschen zusammen tun sollten, deren Gemeinsamkeit darin liegt, etwas nicht zu haben. Als ehemals unpolitischer Mensch hatte ich lange Zeit kein Bedürfnis, mich mit anderen Asexuellen zu treffen. Ja, ich wusste nicht mal, dass dieser Begriff überhaupt existierte. Meine eigene Asexualität war für mich immer eine Selbstverständlichkeit (im doppelten Sinne) und nur Teil eines größeren Rahmens als eine Person, die in vielen Gebieten eine große Distanz zu Einstellungen und Tätigkeiten hat, die für andere Menschen alltäglich sind.

Warum sollte ich mich mit Menschen treffen, die mit mir gemein haben, dass sie etwas nicht empfinden oder auch etwas nicht tun?

Es ist wichtig, dass sich Asexuelle austauschen

Nun, die Antwort habe ich schon in der Einleitung gegeben. Es ist eine Sache, eine Nichtexistenz zu teilen. Es ist eine andere Sache, in einer Gesellschaft leben zu müssen, die zum überwältigenden Teil aus Menschen besteht, die sich nicht vorstellen können, dass es so etwas wie Asexualität gibt.

Wenn man offen mit seiner Asexualität umgeht und damit auf Menschen zugeht, so muss man mit Reaktionen rechnen wie: „Du verdrängst das. Das ist nicht gesund.“, „Du hattest nur noch nicht die richtige Partner*in.“, „So eine Phase hatte ich auch einmal. Das geht vorüber.“ Manch Reaktionen dürften einigen nicht-heterosexuellen Menschen bekannt sein. Bizarrer wird es, wenn man am Infostand gefragt wird, ob man denn nackt duschen könne oder ob das etwas mit Pädophilie zu tun hat.

Sich mit anderen asexuellen Menschen auszutauschen, kann vielfältige positive Erkenntnisgewinne mit sich bringen. Wie gehen andere asexuelle Menschen damit um, in einer sexualisierten Welt zu leben? Welche Herausforderungen existieren in Partnerschaften mit Sexuellen? Vielleicht gibt es ganz konkrete eigene Schwierigkeiten, über die man bisher mit niemandem reden konnte. Vielleicht möchte man auch nur weitergeben, wie man selbst Probleme gemeistert hat.

Das Internet ist eine gute Möglichkeit, um sich mit anderen Asexuellen zu vernetzen. Es hat dabei den Vorteil, dass eine relative Anonymität gewährleistet ist, wenn man den Schritt zum Outing nicht gehen möchte. Hierzu hat sich das Asexual Visibility and Education Network (AVEN) gebildet. Die deutsche Plattform findet ihr hier.

Es ist wichtig, dass sich Asexuelle organisieren

Asexuelle sind eine Minderheit. Das bedeutet nicht nur, dass sie zahlenmäßig nicht die Mehrheit bilden. Es bedeutet ebenso, dass sie in einer Welt leben müssen, deren Gesetze und Kultur von Menschen geprägt sind, die andere Interessen verfolgen und denen größtenteils nicht bewusst ist, dass Asexualität existiert und welche Bedürfnisse damit verknüpft sind.

Hier zählen zwei Dinge. Zum einen gilt es, Asexualität einer breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen. Dies geschieht nur, wenn konsequent Sichtbarkeitsarbeit betrieben wird. Diese kann so aussehen, dass man mit anderen über das Thema redet, Informationsstände in Städten besetzt und Interviews in den Medien platziert. All diese Dinge geschehen nicht automatisch. Man muss aktiv werden. Hierzu hat sich zum Beispiel der Verein AktivistA gegründet.

Sichtbarkeit ist ein wichtiges Hilfsmittel, um Entscheidungsträgerinnen die Problematik einer Gruppe näherzubringen. Es wäre aber naiv zu denken, dass die Arbeit damit getan ist. Wer politisch etwas bewegen möchte, der muss Interessen formulieren. Es muss Druck auf Wirtschaft und Politik aufgebaut werden und Politik von innen verändert werden. Hierbei geht es nicht nur um die Formulierung von Gesetzen, sondern auch um elementare Dinge wie zum Beispiel die Vergabe von Forschungsförderungen und die Formulierung von Bildungsplänen. Wer sich an solchen Prozessen nicht beteiligt, muss sich nicht wundern, wenn andere die knappen Ressourcen für sich beanspruchen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, sich in politischen Parteien, Vereinen und Verbünden aktiv zu betätigen.

Werdet aktiv!

Wenn ihr asexuell seid und euch von der Gesellschaft nicht verstanden fühlt: werdet aktiv! Zeigt, dass Asexualität existiert und es alle Geschlechter angeht. Es wird vielleicht nicht euch helfen, aber eventuell den Generationen nach euch. Asexualität ist bisher kaum erforscht und kaum repräsentiert. Aber das kann man ändern. Man muss nur aktiv werden.