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Informationsstand über Asexualität auf dem CSD Karlsruhe.

Am 28.05.2016 findet in Karlsruhe das jährliche CSD Familienfest auf dem Stephanplatz statt.  Dort findet ihr auch einen Informationsstand über A_sexualität vom Verein AktivistA. Neben gedrucktem Informationsmaterial findet ihr hier auch auf Wunsch persönliche Ansprechpartner*innen, die mit euch gern über all eure Fragen und Anregungen zum Thema A_sexualität diskutieren.

Details zum CSD Karlsruhe findet ihr auf dieser Seite.

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Ist Asexualität queer bzw. Teil der LGBT-Community?

Im Rahmen der diesjährigen AktivistA 2015 wurde ein Workshop von tschellufjek zum Thema „Wir und Queer“ angeboten. Kern des Workshops war die Frage, ob sich die Asexualitätscommunity als queer und als Teil der LGBT-Community versteht. Bevor ich zur eigentlichen Fragestellung komme, möchte ich jedoch die Begriffe zunächst für Nichtwissende erläutern.

Das Wort „Queer“ ist ein ursprünglich englischsprachiges Wort, welches wörtlich übersetzt „seltsam“ oder „sonderbar“ heißt. Es wurde lange Zeit in einem negativem Sinne genutzt, um abfällig über Menschen (z.B. Homosexuelle) zu reden, die irgendwie anders waren. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff eine Bedeutungsänderung und bezeichnet heute im neutralen Sinne Menschen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Hiermit sind insbesondere sexuelle Orientierungen wie Homosexualität oder Bisexualität, sowie Abweichungen in der Geschlechtsidentität wie Transsexualität oder nichtbinäre Identitäten gemeint.

Der Begriff „LGBT“ ist eine englischsprachige Abkürzung für die Begriffe Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. Er bezeichnet damit eine Sammlung von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. Gelegentlich wird der Begriff um weitere Buchstaben wie LSBTTIQ (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell, Queer) erweitert. Der Begriff wird vor allem im politischen Bereich genutzt, um zu signalisieren, dass alle Einzelidentitäten Gemeinsamkeiten besitzen, die ein Vorgehen als Gesamtgruppe sinnvoll werden lassen. Häufig ist hiermit das öffentlichkeitswirksame Ansprechen von Diskriminierung und der politischer Einfluss in Parlamente verbunden.

Die für diesen Blog bedeutende Frage ist: Sind Asexuelle Teil der LGBT-Gemeinschaft bzw. sind Asexuelle queer?

Die Beantwortung der Frage ist meines Erachtens direkt mit dem Selbstverständnis von Asexuellen und der Definition von Asexualität verbunden. In der internationalen Community wird Asexualität als Abwesenheit von sexueller Anziehung definiert. So wie sich Homosexuelle von Menschen des gleichen Geschlechts sexuell angezogen fühlen, so fühlen sich Asexuelle von gar keinen Menschen sexuell angezogen. Asexualität hat demnach den Status einer sexuellen Orientierung und ist damit gleichwertig zu Homo- und Bisexualität zu führen.

Wissenschaftlich belegt ist die Tatsache, dass offen lebende Asexuelle gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt sind (siehe z.B. [1] und [2]). Asexuelle weichen also nicht nur offensichtlich von der sexuellen Norm ab, sondern leiden bei offen gelebter Asexualität auch unter deren Machtstrukturen. Asexualität wird in medizinischen Kreisen immer noch mit einer Störung oder Krankheit verbunden: es wird versucht sie zu heilen statt zu akzeptieren. Dies sind ähnliche Probleme, wie sie auch andere sexuelle Orientierungen erleben bzw. erlebten.

Wenn eine Gruppe gemeinsame Probleme und Diskriminierungserfahrungen teilt, ist es sinnvoll dagegen gemeinsam vorzugehen. In demokratischen Systemen, in denen es um die Suche nach Mehrheiten geht, fallen Einzelinteressen schnell unter den Parlamentstisch. Es ist deswegen meiner Meinung nach nicht nur thematisch richtig, dass sich Asexuelle als Teil der LGBT-Bewegung sehen, sondern auch ganz pragmatisch in ihrem Interesse, wenn sie eine Wandlung im gesellschaftlichen Bewusstsein anstreben möchten.

Auch AktivistA als Verein für die Sichtbarmachung für Asexualität spricht sich für die Einsortierung von Asexualität unter den queeren Schirm aus. Es soll dabei allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass ich selbst dort Mitglied (und seit gestern zweiter Vorsitzender) bin.

Gelegentlich finden sich Stimmen von Asexuellen, die sich selbst nicht als queer oder Teil der LGBT-Community sehen. Die Einstellung wird häufig damit begründet, dass sie persönlich keine Verbindung zu Queer-Gruppen haben möchten und insbesondere die offene Auslebung von Sexualität auf den Christopher Street Days abschreckend finden. Das ist eine legitime Einstellung, der ich nicht widersprechen möchte. Es ist allerdings auch eine Individualeinstellung, die ein wenig an der Fragestellung vorbei geht. Nur weil man Asexualität als Teil der LGBT-Identitäten sieht, muss es nicht heißen, dass auf individueller Ebene jede*r Asexuelle sich als Teil der LGBT-Community sehen muss. Unter gleicher Logik gibt es auch einige Homosexuelle, die sich nicht als queer oder Teil der LGBT-Community begreifen, obwohl Homosexualität als Identität und Struktur unter den LGBT-Schirm fällt.

Mein persönliches Fazit: Asexualität als Identität kann von einer Inklusion in den LGBT-Schirm nur profitieren. Nicht jede*r Asexuelle muss sich als Teil der LGBT-Community sehen, aber ein gemeinsames politisches Engagement hilft allen Gruppen, um politische Forderungen und gesellschaftliche Aufklärung voranzutreiben.

Quellen:

  • [1]: Prause, N. & Graham, C.. „Asexuality: classification and characterization“, Archives of Sexual Behavior, 36(3) (2007)
  • [2] Group Processes Intergroup Relations-2012-MacInnis-136843021244241