Archiv der Kategorie: Gender

Heterozentrismus in der heutigen Zeit

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von tschellfujek.

Im Jahr 2006 wurde eine sehr interessante Dokumentation über Judith Butler mit dem Titel Judith Butler, Philosophin der Gender für Arte erstellt, welche die US-amerikanische Philosophin und Philologin, bekannt für ihre Arbeiten zur feministischen Theorie und als Urheberin der sogenannten Queer-Theorie, durch ihren Alltag begleitet und dabei ihren Werdegang, insbesondere im Hinblick auf ihre Arbeit zum Thema Gender, beleuchtet. Die Doku kann komplett auf Youtube angeschaut werden, wobei sie dort in sechs Teile gesplittet ist. Ich bin erst vor wenigen Tagen auf diese sehr gelungene Doku gestoßen, die in vielerlei Hinsicht mal wieder beleuchtet, wie latent intolerant unsere Gesellschaft noch immer ist. Während der öffentliche Diskurs mittlerweile Minderheitengruppen immer mehr  Raum zugesteht* und dabei auch zunehmend offener und toleranter mit diesen in der Berichterstattung umgeht , können wir auf Youtube und durch einzelne Vorfälle immer wieder feststellen, dass sich die Mentalität der Gesellschaft noch nicht ausreichend verändert hat, um einen freundlichen Umgang zwischen allen Gesellschaftsgruppen zu ermöglichen. Die Kommentare zu der auf Youtube gezeigten Doku über Butler zeigen dies auf eine sehr brutale Art und Weise. Einen Kommentar möchte ich hier gerne vorstellen, weil er eine Trotzreaktion enthält, die symptomatisch ist für die teils starke Ablehnung von Personen, die sich gewissen Normen nicht anpassen.

Der Kommentar ist ziemlich lang. Ich möchte daher nur zwei Sätze präsentieren und kommentieren:

1. So gay academia , or ‚queer‘ academia,  largely star jewish feminists and very few males, and probably no straight male at all.

Die Tatsache, dass es anscheinend keinen heterosexuellen, männlichen Vertreter der Queer-Theorie gibt und sich, der Meinung des Verfassers dieses Kommentars zufolge, größtenteils jüdische Feministinnen in diesem Gegenstandsbereich tummeln, ist für den Verfasser Grund genug, diese wissenschaftliche Theorie in Frage zu stellen bzw. abzulehnen. Seine Aussage verkennt dabei völlig die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens. Natürlich ist eine hundertprozentige Objektivität für keinen Menschen erreichbar. Wir interessieren uns meistens für Sachen, die uns persönlich bewegen und begeistern. Eine Schnittstelle zwischen subjektiven Empfinden und objektiver Betrachtung ist daher unvermeidlich. Das wäre aber auch der Fall bei einem männlichen, heterosexuellen Wissenschaftler, der aus persönlichem Interesse (welches stets einer wissenschaftlichen Arbeit vorausgeht, da niemand sonst sich jahrelang mit einer Materie auf solch akribische Art und Weise beschäftigen könnte) sich mit den Queer- oder Gender-Themen befassen würde. Was die Religion hier für eine Rolle spielt, ist mir gänzlich unbekannt.

This is what queer prophet Butler offers society. Nothing.
Basically it’s nihilism, decadence and totalitarianism in disguise.

Das Konzept einer geschlechtlichen Binarität streng beizubehalten und alle Menschen in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ samt der damit einhergehenden Verhaltenscodexe zu stecken, sei jedoch nicht totalitär? Dabei sagt Judith Butler in einem Teil der Doku ganz explizit, dass sie gegen die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit nichts einzuwenden hat, solange diese von den einzelnen Personen selbst für gut befunden und für sich persönlich angenommen werden und Menschen, denen es nicht so geht, respektiert werden. Was hat das mit Totalitarismus und Nihilismus zu tun?? Sie bestreitet ja nicht die Existenz eines männlichen und eines weiblichen Geschlechts. Auf sprachlicher Ebene ist festzustellen, dass ihre Erklärungen und Formulieungen deutlich vorsichtiger ausgedrückt sind, wenn sie sich auf die Gesellschaft allgemein bezieht als wenn sie über sich persönlich spricht. Der Begriff „queer prophet“ ist ebenfalls sehr interessant, da Butler zu Beginn der Doku sagt, dass sie zwar lesbisch ist, jedoch nicht mit allem einverstanden ist, was Lesben oder allgemein die Queer-Bewegung von sich gibt. Ähnlich wie Amin Maalouf in seinem Aufsatz Mörderische Identitäten betont, spricht auch sie von multiplen Zugehörigkeiten, die ihre Identität konstruieren. Sie ist wahrscheinlich die letzte Person, die sich als queer prophet bezeichnen würde.

Dieser Kommentar ist, meiner Meinung nach, eine Trotzreaktion auf eine Theorie, die die altbekannte vertraute Welt ein wenig ins Wanken bringt. In der interkulturellen Kommunikation wird bei einer solchen Haltung von Ethnozentrismus gesprochen, welcher sich durch eine überhöhte Wertschätzung der eigenkulturellen Prägung und der damit einhergehenden Ignoranz und Intoleranz gegenüber anderen Kulturen auszeichnet. Ich denke, dass sich dies auch wunderbar auf Heteronormativität und auf den Umgang vieler Menschen mit dem Thema Gender anwenden lässt. Den Begriff „Heterozentrismus“ gibt es bereits. Ein sehr krasses Beispiel für einen solchen Heterozentrismus wird von Judith Butler in der hier erwähnten Doku gegeben. Sie erzählt von einem Jungen aus dem US-Bundesstaat Maine, der aufgrund seiner femininen Gangweise von Jungen aus seinem Dorf schikaniert, geschlagen und schließlich getötet wurde.

Ich stelle immer wieder fest, dass die Diskriminierung von Leuten anderer sexueller/romantischer Orientierungen und anderer Geschlechtskategorien von der Gesellschaft als  Schnee von gestern angesehen wird, da beispielsweise Homosexualität mittlerweile auch im Fernsehen gezeigt wird und eine öffentliche Diskriminierung heutzutage fast undenkbar ist, ohne Protestaktionen auszulösen. Dabei wird leider vergessen, dass eine nicht direkt verbal ausgedrückte Bedrohung (siehe Beispiel oben) oder Diskriminierung nicht bedeutet, dass sie nicht besteht.

Es ist zum Beispiel schon sehr diskriminierend, wenn 80% seiner eigenen Identität untergehen, weil die Zugehörigkeit zu einer sexuellen oder romantischen Minderheit immer noch für so exotisch befunden wird, dass manche Leute einen fast ausschließlich mit dieser Zugehörigkeit assoziieren. Warum wird die Homosexualität einer Judith Butler dermaßen betont bei der Beurteilung ihrer wissenschaftlichen Arbeit? Und warum regen sich dieselben Leute, die die Homosexualität einer Person bei der Beurteilung ihres professionellen Schaffens so hervorheben, darüber auf, wenn Homo(a)sexuelle selbst ihre queere Identität betonen? Dann werden diese sofort an den Pranger gestellt, weil sie sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollen.

In der interkulturellen Kommunikation könnten wir an dieser Stelle, nach dem Phasen-Modell interkulturellen Lernens von Milton Bennett, von einem Wechselspiel zwischen Denial und Defense sprechen. Denial ist die erste Phase des Modells und beschreibt einen Zustand, indem kulturelle Unterschiede nicht oder nur selektiv oder oberflächlich wahrgenommen werden und die Sensibilität für andere Kulturen nur sehr schwach ausgeprägt ist. In der Defense-Phase hingegen werden kulturelle Unterschiede zugestanden, allerdings werden sie negativ beurteilt. Um dies auf den Umgang mit sexuellen/romantischen und Gender-Minderheiten (ich schaffe jetzt mal einfachheitshalber diesen Begriff) zu übertragen, würde ich sagen, dass wir momentan mit zwei problematischen Reaktionen bzw. Positionen zu kämpfen haben:

  1. Die Ansicht, dass heutzutage keinerlei Diskriminierung und Ausgrenzung von solchen Minderheiten stattfindet und wir alle gleich sind.
  2. Die Ansicht, dass wir uns selbst ausgrenzen und unsere Lebensformen keine Daseinsberechtigung haben, wobei diese Haltung sich nicht unbedingt in Gewalt oder offener Schikane ausdrückt.

Diese zwei Einstellungen wirken zunächst harmlos, sind aber beide problematisch, da sie die Realität nicht anerkennen, akzeptieren und/oder respektieren.

* zwar nicht wahnsinnig viel, aber ein Fortschritt ist deutlich zu erkennen

Advertisements