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Informationsstand über Asexualität auf dem CSD Karlsruhe.

Am 28.05.2016 findet in Karlsruhe das jährliche CSD Familienfest auf dem Stephanplatz statt.  Dort findet ihr auch einen Informationsstand über A_sexualität vom Verein AktivistA. Neben gedrucktem Informationsmaterial findet ihr hier auch auf Wunsch persönliche Ansprechpartner*innen, die mit euch gern über all eure Fragen und Anregungen zum Thema A_sexualität diskutieren.

Details zum CSD Karlsruhe findet ihr auf dieser Seite.

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Asexualitätsinterview im weird Stadtmagazin Bielefeld

Heute bin ich via Twitter auf ein Asexualitätsinterview gestoßen, das ich euch nicht vorenthalten möchte.  Ich fand das Interview durchaus interessant und informativ und freue mich, dass ein Magazin eine solch intensive Darstellung von Asexualität ermöglicht.

Etwas stutzig wurde ich bei der Verwendung des Ausdrucks A* für Asexualität, Aromantik und Aplantonik. Das ist ein Ausdruck, den ich einmal für einen Artikel in meinem Blog verwendete, weil er sich in diesem Kontext anbot. Mir wäre allerdings nicht bekannt, dass das in der Community in diesem Sinne genutzt wird, um die Begriffe zusammenzufassen. Ich persönlich würde den Ausdruck auch nicht außerhalb des Rahmens meines Artikels nutzen.

Ich stimme nicht ganz damit überein, dass durch den Begriff A* die einzelnen Orientierungen marginalisiert und unsichtbar gemacht werden. Dies wäre der Fall, wenn der Begriff in allen Belangen stellvertretend genutzt werden würde. Es ist aber gelegentlich durchaus sinnvoll, Begriffe zusammenzufassen, wenn man in einem übergeordneten Rahmen argumentiert. Nach gleicher Argumentation könnte man auch sagen, dass der Begriff Queer abzulehnen sei, weil er sehr unterschiedliche Identitäten zusammenfasst und dadurch unsichtbar macht. Die Frage ist auch hier, auf welchem Abstraktionsniveau eine Debatte gerade geführt wird. Manchmal kann das sinnvoll sein, manchmal wird es aber auch leider genutzt, um die explizite Nennung von Identitäten bewusst zu vermeiden.

Nichtsdestotrotz finde ich das Interview sehr lesenswert.

Ist Asexualität queer bzw. Teil der LGBT-Community?

Im Rahmen der diesjährigen AktivistA 2015 wurde ein Workshop von tschellufjek zum Thema „Wir und Queer“ angeboten. Kern des Workshops war die Frage, ob sich die Asexualitätscommunity als queer und als Teil der LGBT-Community versteht. Bevor ich zur eigentlichen Fragestellung komme, möchte ich jedoch die Begriffe zunächst für Nichtwissende erläutern.

Das Wort „Queer“ ist ein ursprünglich englischsprachiges Wort, welches wörtlich übersetzt „seltsam“ oder „sonderbar“ heißt. Es wurde lange Zeit in einem negativem Sinne genutzt, um abfällig über Menschen (z.B. Homosexuelle) zu reden, die irgendwie anders waren. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff eine Bedeutungsänderung und bezeichnet heute im neutralen Sinne Menschen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Hiermit sind insbesondere sexuelle Orientierungen wie Homosexualität oder Bisexualität, sowie Abweichungen in der Geschlechtsidentität wie Transsexualität oder nichtbinäre Identitäten gemeint.

Der Begriff „LGBT“ ist eine englischsprachige Abkürzung für die Begriffe Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. Er bezeichnet damit eine Sammlung von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. Gelegentlich wird der Begriff um weitere Buchstaben wie LSBTTIQ (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell, Queer) erweitert. Der Begriff wird vor allem im politischen Bereich genutzt, um zu signalisieren, dass alle Einzelidentitäten Gemeinsamkeiten besitzen, die ein Vorgehen als Gesamtgruppe sinnvoll werden lassen. Häufig ist hiermit das öffentlichkeitswirksame Ansprechen von Diskriminierung und der politischer Einfluss in Parlamente verbunden.

Die für diesen Blog bedeutende Frage ist: Sind Asexuelle Teil der LGBT-Gemeinschaft bzw. sind Asexuelle queer?

Die Beantwortung der Frage ist meines Erachtens direkt mit dem Selbstverständnis von Asexuellen und der Definition von Asexualität verbunden. In der internationalen Community wird Asexualität als Abwesenheit von sexueller Anziehung definiert. So wie sich Homosexuelle von Menschen des gleichen Geschlechts sexuell angezogen fühlen, so fühlen sich Asexuelle von gar keinen Menschen sexuell angezogen. Asexualität hat demnach den Status einer sexuellen Orientierung und ist damit gleichwertig zu Homo- und Bisexualität zu führen.

Wissenschaftlich belegt ist die Tatsache, dass offen lebende Asexuelle gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt sind (siehe z.B. [1] und [2]). Asexuelle weichen also nicht nur offensichtlich von der sexuellen Norm ab, sondern leiden bei offen gelebter Asexualität auch unter deren Machtstrukturen. Asexualität wird in medizinischen Kreisen immer noch mit einer Störung oder Krankheit verbunden: es wird versucht sie zu heilen statt zu akzeptieren. Dies sind ähnliche Probleme, wie sie auch andere sexuelle Orientierungen erleben bzw. erlebten.

Wenn eine Gruppe gemeinsame Probleme und Diskriminierungserfahrungen teilt, ist es sinnvoll dagegen gemeinsam vorzugehen. In demokratischen Systemen, in denen es um die Suche nach Mehrheiten geht, fallen Einzelinteressen schnell unter den Parlamentstisch. Es ist deswegen meiner Meinung nach nicht nur thematisch richtig, dass sich Asexuelle als Teil der LGBT-Bewegung sehen, sondern auch ganz pragmatisch in ihrem Interesse, wenn sie eine Wandlung im gesellschaftlichen Bewusstsein anstreben möchten.

Auch AktivistA als Verein für die Sichtbarmachung für Asexualität spricht sich für die Einsortierung von Asexualität unter den queeren Schirm aus. Es soll dabei allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass ich selbst dort Mitglied (und seit gestern zweiter Vorsitzender) bin.

Gelegentlich finden sich Stimmen von Asexuellen, die sich selbst nicht als queer oder Teil der LGBT-Community sehen. Die Einstellung wird häufig damit begründet, dass sie persönlich keine Verbindung zu Queer-Gruppen haben möchten und insbesondere die offene Auslebung von Sexualität auf den Christopher Street Days abschreckend finden. Das ist eine legitime Einstellung, der ich nicht widersprechen möchte. Es ist allerdings auch eine Individualeinstellung, die ein wenig an der Fragestellung vorbei geht. Nur weil man Asexualität als Teil der LGBT-Identitäten sieht, muss es nicht heißen, dass auf individueller Ebene jede*r Asexuelle sich als Teil der LGBT-Community sehen muss. Unter gleicher Logik gibt es auch einige Homosexuelle, die sich nicht als queer oder Teil der LGBT-Community begreifen, obwohl Homosexualität als Identität und Struktur unter den LGBT-Schirm fällt.

Mein persönliches Fazit: Asexualität als Identität kann von einer Inklusion in den LGBT-Schirm nur profitieren. Nicht jede*r Asexuelle muss sich als Teil der LGBT-Community sehen, aber ein gemeinsames politisches Engagement hilft allen Gruppen, um politische Forderungen und gesellschaftliche Aufklärung voranzutreiben.

Quellen:

  • [1]: Prause, N. & Graham, C.. „Asexuality: classification and characterization“, Archives of Sexual Behavior, 36(3) (2007)
  • [2] Group Processes Intergroup Relations-2012-MacInnis-136843021244241

Addyi oder Flibanserin – Ein Antidepressivum gegen Grey- und Asexualität

Ab Oktober 2016 wird in den USA voraussichtlich eine sogenannte Lustpille für Frauen vertrieben. Hinter dem Namen Addyi versteckt sich das Medikament Flibanserin, welches ursprünglich in Deutschland als Antidepressivum entwickelt wurde. Es soll bei sexunwilligen Frauen die Libido anregen.

Nun ist der grundsätzliche Gedanke nicht neu. Wer schon einmal ein Emailpostfach genutzt hat, wird sicherlich auf Werbung von potenzsteigernden Medikamenten für Männer gestoßen sein. Viagra ist hier der Klassiker. Doch während Viagra in erster Linie die Blutzufuhr im Körper reguliert, geht Addyi ein Stück weiter. Addyi greift in das Gehirn und den Hormonhaushalt ein und hat direkte Auswirkungen auf die Psyche.

Tagesschau.de weiß zu berichten: „Zwischen 10 und 40 Prozent aller Frauen unter 50 leiden unter mangelnder Libido, schätzen Mediziner.“ Spiegel.de betont: „Nach Angaben von Medizinern ist in Deutschland etwa jede dritte Frau betroffen.“ Diese Aussagen muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Abgesehen von der enormen Spannbreite der Schätzung, die nicht unbedingt auf eine aussagekräftige Studie schließen lässt, ist die Botschaft: bis zu 40% dieser Frauen haben eine Libido, die nicht dem Standard entspricht. Bei dieser Zahl muss man sich schon fragen, ob man in diesem Zusammenhang noch von einem Mangel sprechen kann oder ob es nicht eher eine gewöhnliche Einstellung in einer statistischen Normalverteilung ist, die nur von einer sexuell und männlich dominierten Gesellschaft als Störung angesehen wird.

Nicht nur aus feministischer, sondern auch aus (grey)-asexueller Sicht ist die Zulassung dieses Medikaments höchst problematisch, denn hier wird eine Abweichung von der Norm als Krankheit (oder zumindest Störung) pathologisiert, die es zu behandeln gilt. Wenn eine Frau eine geringe Libido besitzt, so ist das laut gängigem Tenor eine Gefährdung der Partnerschaft und der Familie. Die Möglichkeit, dass jede Frau ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und damit auch ein Recht auf Verzicht auf Sex hat, wird gar nicht erst in Betracht gezogen, weil es gesellschaftlich verpönt ist.

Liberal eingestellte Menschen mögen nun sagen: Kein Problem! Niemand wird gezwungen, dieses Medikament zu nehmen. Frauen, die asexuell leben möchten, verzichten auf die Pille. Frauen, die darunter leiden, können sie kaufen. Ganz so einfach ist die Situation nicht, wenn man gesellschaftliche Zwänge und Machtstrukturen nicht komplett ausblendet.

Der asexuellen Aktivismusbewegung ist der Kampf gegen die Pathologisierung der sexuellen Orientierung nicht neu. Asexualität ist immer noch in weiteren Teilen der Bevölkerung völlig unbekannt und mit zahlreichen Vorurteilen behaftet. Das führt dazu, dass zahlreiche asexuelle Menschen (Studien gehen von 1% bis 5% der Bevölkerung aus) selbst gar nicht wissen, dass sie asexuell sind bzw. damit keine gleichberechtigte sexuelle Orientierung verbinden, sondern eine Krankheit. Viele Mediziner*innen und Psychotherapeut*innen begegnen Asexualität nicht zunächst mit Aufklärung, sondern mit der Verschreibung von Medikamenten oder Therapien zur Förderung der Libido. Es kann davon ausgegangen werden, dass Addyi ein neues Instrument in diesem Werkzeugkasten wird, welches Aufklärung über ein asexuell selbstbestimmtes Leben weiter unterdrückt.

Bekanntlich hat jedes Medikament gewisse Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die auch bei Addyi nicht ausleiben. Zusätzlich zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Angstzuständen, Ohnmacht und Erbrechen dürfen auch die Kollaterialfolgen der langfristigen Hormonregulierung auf Psyche und Körper nicht unbeachtet bleiben. Weiterhin ist die Wirkung von Addyi sehr strittig. Experten gehen davon aus, dass die Tablette nur etwa zehn Prozent der Betroffenen hilft. Untersuchungen zeigen, dass Frauen mit diesem Wirkstoff weniger als einmal mehr Sex pro Monat hatten. Jeder Mensch sollte sich fragen, ob hierzu ein ständiger Eingriff in den eigenen Hormonhaushalt mit all seinen Konsequenzen die geeignete Wahl ist.

Das immer noch vorhandene Machtgefälle zwischen Männern und Frauen in cisnormativen und heteronormativen Beziehungen kann schnell dazu führen, dass die Sexualerwartung in einer Beziehung allein vom Mann definiert wird. Asexuelle weltweit zeigen jedoch, dass erfüllte Beziehungen ohne Libido möglich sind, wenn eine Aufklärung der Partner*in stattfindet. Die Aufklärung über Asexualität und ein selbstbestimmtes Sexualleben sollte vor jeder medikamentösen Therapie durchgeführt werden. Wenn eine fehlende Libido und damit die Enttäuschung einer Erwartungshaltung der Partner*in zu Problemen in einer Beziehung führt, so ist dies ursächlich nicht das Problem der asexuellen Person, sondern der inkorrekten Erwartungshaltung. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt auch das Recht auf Sexualverzicht ein. Wenn eine Therapie stattfindet, so sollte das Problem als Erwartungsproblem aller beteiligten Personen definiert und nicht leichtfertig über die einseitige Einnahme von Medikamenten geregelt werden.

Quellen:

Interview bei Radio Dreyeckland vom 02.07.2015

Gestern habe ich ihm Rahmen der Sendung „Schwule Welle – Das Magazin“ ein Interview zum Thema Asexualität gegeben. Wenn ihr schnell seid, könnt ihr das Interview innerhalb der GEMA-Frist von der Webseite des Radios herunterladen.

Wenn ihr zu spät seid, ist das aber auch nicht schlimm, denn ich habe meine Notizen zur Sendung zu einem vollständigen Blogbeitrag zusammengefasst. Das niedergeschriebene Interview entspricht nicht 1:1 dem hörbaren Interview, aber es gibt weite Strecken davon sehr genau wieder. Da die Sendezeit rund 20 Minuten entsprach, ist der Interviewtext relativ lang. Aber da müsst ihr jetzt durch.

Niederschrift

Hartmut: Ein Thema über das man selten spricht und wenn, dann oft gar nicht weiß, was es ist, ist das Thema „Asexualität“. Die Vorstellungen darüber, was es genau ist, gehen oft weit auseinander. Bedeutet „Asexualität“ gleichzeitig, daß man ohne Liebe lebt? Und hat man tatsächlich keine sexuellen Bedürfnisse?

In den vergangenen Jahren ist das Thema „Asexualität“ immer mehr in den Vordergrund gerückt worden und es ist daher auch von unserer Seite mal Zeit, ein wenig nachzufragen.

Aus diesem Grund freuen wir uns ganz besonders, daß heute Marcel Schwalb bei uns im Studio ist.

Marcel Schwalb ist Diplom-Mathematiker und hat mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität in Köln gearbeitet. Er ist agender und asexuell und engagiert sich im Bereich der Queerpolitik. Für uns ist er heute abend extra aus Karlsruhe angereist. Dafür vorab schon einmal vielen Dank und gleichzeitig herzlich willkommen bei uns im Studio: Marcel Schwalb.

Vielen Dank und Danke für die Einladung in das sehr sonnige Freiburg.

Hartmut: Marcel, um mal gleich ganz blöd zu fragen: Was ist Asexualität? Ist z.B. ein Mönch, der im Zölibat in einem Kloster lebt, schon zwingend asexuell?

Nein. Ein Zölibat, also die bewusste Entscheidung nach Enthaltsamkeit, hat erstmal nichts mit Asexualität zu tun. Asexuelle können sich dazu entscheiden, keinen Sex zu haben, aber es ist nicht das, was sie zu Asexuellen macht.

Für die Definition von Asexualität muss ich ein wenig ausholen:

Asexualität ist in der internationalen Community als das Fehlen von sexueller Anziehung zu anderen Menschen definiert. Das heißt: so wie sich Homosexuelle nur von Menschen des eigenen Geschlechts und nicht von anderen sexuell angezogen fühlen, so fühlen sich Asexuelle von gar keinen Menschen sexuell angezogen. Das ist keine bewusste Entscheidung, die jemand trifft, sondern das ist einfach so: so wie Schwule schwul und Lesben lesbisch sind. Von vielen wird Asexualität deswegen auch als sexuelle Orientierung gesehen, wie eben Homo- oder Bisexualität.

In der deutschen Community geht die Definition etwas weiter. Asexualität beschreibt hier ein generelles Nichtverlangen nach sexueller Interaktion. Das kann das Fehlen von sexueller Anziehung, aber auch das Fehlen von sexuellem Verlangen oder Erregung sein.

Grundsätzlich können manche Asexuelle aber durchaus ein sexuelles Verlangen verspüren. Das führt dann zum Beispiel zu Selbstbefriedigung als Auslebungsform.

Hartmut: Asexualität bedeutet demnach also nicht, daß man gar keine Sexualität hat?

Nicht zwingend. Es gibt Asexuelle, die regelmäßig Sex haben. Sei es nun zur Befriedigung einer sexuellen Partnerin oder Partners, aufgrund eines Kinderwunsches oder auch durch Selbstbefriedigung, weil es eben Spaß macht. Anderen Asexuelle hatten noch nie Sex, weil er ihnen gleichgültig ist. Manche lehnen Sex kategorisch ab. Da Spektrum ist da sehr vielseitig.

Übrigens ist Asexualität nicht zwingend eine An-Aus-Schalter. Das heißt, es gibt ein asexuelles Spektrum – einen Graubereich. Menschen, die nur gelegentlich oder schwaches sexuelles Verlangen verspüren, nennt man deswegen graysexual (also grausexuell). Menschen, die dies nur unter sehr innigen emotionalen Beziehungen zu anderen tun, nennen sich demisexual.

Hartmut: D.h. aber nicht, daß einem andere Menschen deshalb gleichgültig sind, man kann ihnen dennoch emotional nahe stehen?

Ja klar. Asexualität bezieht sich nur auf die sexuelle Komponente. Menschliche Beziehungen sind komplex. Man kann mit anderen Menschen freundschaftlich verbunden sein, romantische Beziehungen führen oder auch Zärtlichkeiten und Berührungen austauschen.

Keinesfalls sollte man denken, Asexuelle seien zwingend introvertiert, gefühlskalt oder gar Menschenhasser. Asexuelle können viele Freundschaften pflegen, romantische Beziehungen führen, Berührungen mögen und extravertiert und lebensfröhlich sein. Man merkt einem Menschen seine Asexualität nicht von außen an.

Hartmut: Wir waren ja neulich bei einem Vortrag von Dir im Rahmen der Reihe „Regenbogen-Referate für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ an der Universität Freiburg, und dort erfuhren wir u.a. auch, daß man als Axesueller Mensch gleichzeitig auch schwul bzw. lesbisch sein kann. Also die Zuneigung besteht – so haben wir verstanden – dann rein auf emotionaler Ebene?

Asexuellen Menschen ist es sehr wichtig die sexuelle Komponente von anderen Komponenten zu trennen, denn sie unterscheiden sich nur in der sexuellen Komponente. Asexuelle können wie gesagt romantische Beziehungen anstreben. Wenn jemand sich vom gleichen Geschlecht romantisch angezogen fühlt, so nennt sich das homoromantisch. Es gibt analog auch heteroromantisch und biromantisch – und natürlich auch aromantisch.

Für viele Menschen ist die romantische und die sexuelle Orientierung das gleiche. Sie haben sich vielleicht noch nie drüber Gedanken gemacht, aber: wenn ein Schwuler sich zum Beispiel von einem Mann romantisch angezogen fühlt, aber kein Verlangen nach sexueller Interaktion hat, dann könnte er homoromantisch und asexuell sein. Das kann man beliebig weiterknüpfen. So können Menschen biromantisch und heterosexuell sein oder – und das gibt es auch: asexuell und aromantisch. Wichtig zu verstehen ist einfach: romantische und sexuelle Orientierungen können bei Menschen voneinander abweichen – müssen es aber natürlich nicht.

Hartmut: Du bist ja selbst asexuell und – wir sagten es anfangs – agender. Was genau – um es kurz zu klären – bedeutet „agender“?

Jetzt wird es kompliziert. Agender hat erstmal nichts mit Asexualität zu tun. Es ist bei mir nur Zufall, dass es zusammentrifft. Agender ist eine Form von Transgender, also dem Wissen, dass die eigene Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das bei Geburt zugewiesen wurde. Agender bedeutet, dass ich mich nicht als Mann sehe, obwohl mir dieses Geschlecht bei Geburt zugewiesen wurde. Ich sehe mich aber auch nicht als Frau, sondern ich habe einfach keine Geschlechtsidentität. Bei mir führt das dazu, dass ich mich zum Beispiel manchmal sehr männlich und manchmal sehr weiblich kleide. Bei den Temperaturen hätte ich also auch statt in Shirt und Hose in einem Sommerkleid anreisen können. Aber wie gesagt: das ist ein anderes Thema und hat mit Asexualität erstmal nichts zu tun.

Hartmut: Wann hast Du denn gemerkt, daß Du asexuell bist? Merkt man das früh oder erst, wenn man versucht hat, eine ganz „normale“ Partnerschaft einzugehen?

Ich hatte 10 Jahre lang eine sexuelle Beziehung. Am Anfang war ich sexuell recht aktiv, weil es für mich etwas Neues war und ich, typisch Wissenschaftler, gerne experimentiere. Nach einiger Zeit stellt sich dann aber der Alltag ein und so merkte ich, dass ich eigentlich kaum Interesse an Sex habe und zum Beispiel Kuscheln viel angenehmer finde. Mittlerweile hatte ich seit 5 Jahren keinen Sex mehr und habe auch nichts vermisst.

Sich asexuell zu bezeichnen, setzt allerdings auch voraus, dass man diesen Begriff überhaupt kennt. Zu merken, dass man irgendwie anders ist, heißt nicht, dass man diese Andersartigkeit auch beschreiben kann. Ich habe von Asexualität erst sehr spät, und zwar vor zwei Jahren erfahren. Deswegen ist es uns eben wichtig, das Thema Asexualität bekannt zu machen.

Das ist wohl bei jeder Person anders. Manche merken es sehr früh, dass sie sich nicht zu anderen Menschen sexuell angezogen fühlen, obwohl der ganze Freundeskreis von nichts anderem spricht. Andere merken es vielleicht niemals, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, sich diese Frage zu stellen.

Hartmut: Was sind denn typische Probleme, die eine asexuelle Person in einer Partnerschaft hat? Z.B. daß man in der Beziehung etwas anderes sucht als die Partnerin oder der Partner?

Ja, die Gefahr besteht. Es gibt Menschen, denen ist Sex in einer Beziehung sehr wichtig – und das ist ja auch völlig in Ordnung. Anderen Menschen ist Sex in einer Beziehung unwichtig oder gar lästig – auch das ist in Ordnung. Wenn solche Personen aufeinander treffen, dann kann das zu Problemen oder Missverständnissen führen, wenn man nicht darüber spricht.

Das ist in der Theorie natürlich leicht gesagt. In der Praxis ist es nicht üblich beim ersten Kennenlernen oder Date gleich über sexuelle Vorlieben zu reden. Ich stelle mich gewöhnlich auch nicht mit den Worten vor: „Hey, ich bin Marcel und asexuell.“ Auch wenn es sich reimt, käme das vermutlich nicht gut an. Zumal mit Asexualität immer noch viele Vorurteile verknüpft sind, die man vermeiden möchte.

Probleme sind typischerweise, dass das Desinteresse an sexueller Interaktion von der anderen Seite (oder gar beiden Seiten) als Desinteresse an der ganzen Person gelesen wird. „Ich bin nicht attraktiv genug für ihn“ oder „sie interessiert sich nicht wirklich für mich“ können Reaktionen sein. Wenn darüber dann nicht gesprochen wird, kann das schnell zu einem Ende einer Beziehung aus Missverständnissen führen.

Hartmut: Gibt es dennoch oft Partnerschaften zwischen einer asexuellen Person und einer Nicht-Asexuellen Person?

Ja, klar. Schon allein weil die eigene Asexualität vielleicht erst später bewusst wird. Manche Menschen entdecken erst mit 50 Jahren, einer Familie und 2 Kindern, dass sie eigentlich asexuell sind und sich nur dem gesellschaftlichen Druck gebeugt haben. Das muss auch nicht heißen, dass sich danach in der Praxis etwas für diese Menschen ändert. Nur weil man asexuell ist, liebt man ja nicht plötzlich seine Familie weniger. Es heißt auch nicht zwingend, dass man Sex verweigert. Er fehlt nur in der Regel nicht, wenn man keinen hat.

Hartmut: Wie geht das Umfeld, die Familie und der Freundeskreis damit um, daß man „asexuell“ ist? Gibt es da oft blöde Sprüche wie: „Du hast halt die Richtige noch nicht gefunden?“

Ja, leider sind in der Gesellschaft viele Vorurteile gegen Asexuelle vorhanden. Das fängt mit vergleichbar harmlosen Ignorieren mit Floskeln wie „Das ist nur eine Phase.“ oder „Du bist einfach gestresst“ an. Ärgerlicher wird es, wenn damit konkrete Charaktereigenschaften wie mangelnde soziale Kompetenz oder Menschenhass unterstellt werden.

Hartmut: Ist Asexualität im Alltag sehr relevant? Hat man dadurch Vorteile oder ganz im Gegenteil Nachteile? 

Mir wäre im Alltag kein Vorteil bekannt, außer die Behauptung, man würde als Asexueller viel Zeit und Ärger sparen, weil man sich keine Gedanken über Sexualpartner oder Geschlechtskrankheiten machen müsse. Das stimmt im übrigen nicht, denn wir haben ja schon festgestellt, dass Asexuelle durchaus Sex haben.

Tatsächlich müssen bekennend Asexuelle viele Nachteile in Kauf nehmen. Asexualität wird aufgrund von Unwissen und Vorurteilen schnell in die Richtung Pädophilie gerückt. Da führt nicht nur zu hässlichen Kommentaren, sondern es ist auch durch Studien belegt, dass Asexuelle Diskriminierung erfahren.

Asexuellen werden häufig menschliche Charaktereigenschaften wie Liebe, Mitgefühl oder Freundlichkeit aberkannt. Das führt dazu, dass sie bei Konkurrenzsituationen um Jobs oder auf Wohnungssuche benachteiligt werden.

Hartmut: Gibt es Statistiken darüber, wieviele Menschen prozentual asexuell sind? Ist es überhaupt einfach zu definieren oder gibt es viele Zwischenstufen?

Das ist ein schwieriges Thema. Zum einen gibt es keine allseits akzeptierte Definition von Asexualität, zum anderen würden sich viele Menschen selbst nicht als asexuell bezeichnen, weil sie den Begriff gar nicht kennen. In einer englischen Studie aus dem Jahre 2004 wurde eine Quote von zirka 1% der Bevölkerung ermittelt. Es gibt aber gute Gründe diese Quote als zu niedrig anzuzweifeln, was übrigens auch der Autor der Studie selbst sagt. Andere Wissenschaftlerinnen gehen eher von Quoten um die 3-5% aus. Eins ist aber vermutlich klar: Asexualität ist keine Massenorientierung.

Hartmut: War das Thema „Asexualität“ eigentlich – ähnlich wie „Homosexualität“ – in der Wissenschaft eigentlich schon lange präsent und wurde gleichwertig erforscht? Oder war es meist eher im Hintergrund?

Es gibt Forschung über Asexualität, aber sie ist im Vergleich zu anderen sexuellen Orientierungen sehr gering. Die Existenz von Asexualität war schon in den 40ern des letzten Jahrhunderts bekannt. Die Kinseyskala von 1948 hatte beispielsweise schon einen Marker für Asexualität.

Wir ermutigen immer gern Menschen, die akademisch tätig sind, sich mit dem Thema Asexualität zu beschäftigen. Aufgrund der überschaubaren Forschung in dem Bereich ist es ein Thema, in dem man noch gute Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten unterbringen kann, die neuwertige Erkenntnisse liefern. Wir vermitteln hierzu auch gern asexuelle Proband*innen.

Hartmut: Wenn man das Gefühl hat, man sei asexuell, wo kann man sich informieren oder hinwenden?

Am einfachsten in der Weg ins Internet. Im Netz hat sich eine große Asexualitätscommunity gebildet. Der größte Platz ist ein Netzwerk namens A-V-E-N (Asexual Visibility and Education Network). Hier gibt es eine deutsche Unterseite, auf der sich neben wissenswertem Material auch ein Forum für Fragen befindet.

Hartmut: Gibt es Treffpunkt von asexuellen Menschen? Vielleicht sogar eine Kontaktbörse?

Ja. Im AVEN Forum gibt es eine Rubrik „Stammtische“, in der regelmäßig in größeren Städten Stammtische abgehalten werden. Die Stammtische in Stuttgart und Karlsruhe sind recht aktiv. In Freiburg gibt es gelegentlich auch einen, aber ein neuer Termin steht aktuell noch nicht fest. Einfach mal reinschauen.

In diesem Forum gibt es ebenso eine Kontaktbörse zur Freund*innen oder Partner*innenvermittlung. Es gibt auch mittlerweile einige große Datingplattformen wie Okcupid, die gezielte Suchen nach speziellen sexuellen Orientierungen wie Asexualität zulassen.

Hartmut: Gibt es Erkennungszeichen von Asexuellen, ähnlich wie die Regenbogenflagge?

Die Asexuellenbewegung hat eine eigene Flagge, die ähnlich wie die Regenbogenflagge aus horizontalen Farbstreifen aufgebaut ist. Die Farben sind Schwarz (für Asexualität), Grau (für Graysexualität), Weiß (für Sexualität) und Lila (für Gemeinschaft).

Um sich in der Öffentlichkeit zu erkennen, tragen Asexuelle manchmal einen schwarzen Ring am rechten Mittelfinger. Gern gesehen sind auch Ass-Spielkarten, also zum Beispiel ein Herz-Ass am Rucksack. Im Englischen nennen sich Asexuelle gerne Ace, was auch für Ass steht. Das Ass steht also für Asexualität, die Farbe der Karte steht zusätzlich für die romantische Orientierung.

Hartmut: Seid Ihr auch aktuell auf vielen CSDs präsent, z.B. auch auf dem Freiburger?

Wir versuchen als AktivistA auf so vielen CSD wie möglich mit einem Infostand zu sein. Leider sind unsere Personalzeiten jedoch stark beschränkt, so konzentrieren wir uns aktuell hauptsächlich auf Baden-Württemberg. Wir waren dieses Jahr auf dem CSD in Karlsruhe und auf dem Stuttgarter Sommerfest vor ein paar Wochen. In Freiburg werden wir diesen Monat ebenso anwesend sein. Wer Fragen hat oder Interesse an einer Mitarbeit hat, kann uns dort gern besuchen.

Marcel, vielen herzlichen Dank, daß Du uns für die Fragen zur Verfügung standest und den Weg von Karlsruhe zu uns ins Freiburger Studio gefunden hast. Wenn unsere Hörerinnen und Hörer noch Fragen haben, wo können sie Infos bekommen? (Kann man Dich auch direkt kontaktieren?)

Am einfachsten besucht ihr die Webseite unseres Vereins Aktivista. Die findet ihr unter aktivista.net. Wer möchte kann auch meinen privaten Blog unter asexy.de besuchen. Für den ganz persönlichen Kontakt findet ihr mich auch auf Twitter unter @mandelbroetchen.

Das war Marcel, der uns zum Thema „Asexualität“ Rede und Antwort stand.

Heterozentrismus in der heutigen Zeit

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von tschellfujek.

Im Jahr 2006 wurde eine sehr interessante Dokumentation über Judith Butler mit dem Titel Judith Butler, Philosophin der Gender für Arte erstellt, welche die US-amerikanische Philosophin und Philologin, bekannt für ihre Arbeiten zur feministischen Theorie und als Urheberin der sogenannten Queer-Theorie, durch ihren Alltag begleitet und dabei ihren Werdegang, insbesondere im Hinblick auf ihre Arbeit zum Thema Gender, beleuchtet. Die Doku kann komplett auf Youtube angeschaut werden, wobei sie dort in sechs Teile gesplittet ist. Ich bin erst vor wenigen Tagen auf diese sehr gelungene Doku gestoßen, die in vielerlei Hinsicht mal wieder beleuchtet, wie latent intolerant unsere Gesellschaft noch immer ist. Während der öffentliche Diskurs mittlerweile Minderheitengruppen immer mehr  Raum zugesteht* und dabei auch zunehmend offener und toleranter mit diesen in der Berichterstattung umgeht , können wir auf Youtube und durch einzelne Vorfälle immer wieder feststellen, dass sich die Mentalität der Gesellschaft noch nicht ausreichend verändert hat, um einen freundlichen Umgang zwischen allen Gesellschaftsgruppen zu ermöglichen. Die Kommentare zu der auf Youtube gezeigten Doku über Butler zeigen dies auf eine sehr brutale Art und Weise. Einen Kommentar möchte ich hier gerne vorstellen, weil er eine Trotzreaktion enthält, die symptomatisch ist für die teils starke Ablehnung von Personen, die sich gewissen Normen nicht anpassen.

Der Kommentar ist ziemlich lang. Ich möchte daher nur zwei Sätze präsentieren und kommentieren:

1. So gay academia , or ‚queer‘ academia,  largely star jewish feminists and very few males, and probably no straight male at all.

Die Tatsache, dass es anscheinend keinen heterosexuellen, männlichen Vertreter der Queer-Theorie gibt und sich, der Meinung des Verfassers dieses Kommentars zufolge, größtenteils jüdische Feministinnen in diesem Gegenstandsbereich tummeln, ist für den Verfasser Grund genug, diese wissenschaftliche Theorie in Frage zu stellen bzw. abzulehnen. Seine Aussage verkennt dabei völlig die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens. Natürlich ist eine hundertprozentige Objektivität für keinen Menschen erreichbar. Wir interessieren uns meistens für Sachen, die uns persönlich bewegen und begeistern. Eine Schnittstelle zwischen subjektiven Empfinden und objektiver Betrachtung ist daher unvermeidlich. Das wäre aber auch der Fall bei einem männlichen, heterosexuellen Wissenschaftler, der aus persönlichem Interesse (welches stets einer wissenschaftlichen Arbeit vorausgeht, da niemand sonst sich jahrelang mit einer Materie auf solch akribische Art und Weise beschäftigen könnte) sich mit den Queer- oder Gender-Themen befassen würde. Was die Religion hier für eine Rolle spielt, ist mir gänzlich unbekannt.

This is what queer prophet Butler offers society. Nothing.
Basically it’s nihilism, decadence and totalitarianism in disguise.

Das Konzept einer geschlechtlichen Binarität streng beizubehalten und alle Menschen in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ samt der damit einhergehenden Verhaltenscodexe zu stecken, sei jedoch nicht totalitär? Dabei sagt Judith Butler in einem Teil der Doku ganz explizit, dass sie gegen die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit nichts einzuwenden hat, solange diese von den einzelnen Personen selbst für gut befunden und für sich persönlich angenommen werden und Menschen, denen es nicht so geht, respektiert werden. Was hat das mit Totalitarismus und Nihilismus zu tun?? Sie bestreitet ja nicht die Existenz eines männlichen und eines weiblichen Geschlechts. Auf sprachlicher Ebene ist festzustellen, dass ihre Erklärungen und Formulieungen deutlich vorsichtiger ausgedrückt sind, wenn sie sich auf die Gesellschaft allgemein bezieht als wenn sie über sich persönlich spricht. Der Begriff „queer prophet“ ist ebenfalls sehr interessant, da Butler zu Beginn der Doku sagt, dass sie zwar lesbisch ist, jedoch nicht mit allem einverstanden ist, was Lesben oder allgemein die Queer-Bewegung von sich gibt. Ähnlich wie Amin Maalouf in seinem Aufsatz Mörderische Identitäten betont, spricht auch sie von multiplen Zugehörigkeiten, die ihre Identität konstruieren. Sie ist wahrscheinlich die letzte Person, die sich als queer prophet bezeichnen würde.

Dieser Kommentar ist, meiner Meinung nach, eine Trotzreaktion auf eine Theorie, die die altbekannte vertraute Welt ein wenig ins Wanken bringt. In der interkulturellen Kommunikation wird bei einer solchen Haltung von Ethnozentrismus gesprochen, welcher sich durch eine überhöhte Wertschätzung der eigenkulturellen Prägung und der damit einhergehenden Ignoranz und Intoleranz gegenüber anderen Kulturen auszeichnet. Ich denke, dass sich dies auch wunderbar auf Heteronormativität und auf den Umgang vieler Menschen mit dem Thema Gender anwenden lässt. Den Begriff „Heterozentrismus“ gibt es bereits. Ein sehr krasses Beispiel für einen solchen Heterozentrismus wird von Judith Butler in der hier erwähnten Doku gegeben. Sie erzählt von einem Jungen aus dem US-Bundesstaat Maine, der aufgrund seiner femininen Gangweise von Jungen aus seinem Dorf schikaniert, geschlagen und schließlich getötet wurde.

Ich stelle immer wieder fest, dass die Diskriminierung von Leuten anderer sexueller/romantischer Orientierungen und anderer Geschlechtskategorien von der Gesellschaft als  Schnee von gestern angesehen wird, da beispielsweise Homosexualität mittlerweile auch im Fernsehen gezeigt wird und eine öffentliche Diskriminierung heutzutage fast undenkbar ist, ohne Protestaktionen auszulösen. Dabei wird leider vergessen, dass eine nicht direkt verbal ausgedrückte Bedrohung (siehe Beispiel oben) oder Diskriminierung nicht bedeutet, dass sie nicht besteht.

Es ist zum Beispiel schon sehr diskriminierend, wenn 80% seiner eigenen Identität untergehen, weil die Zugehörigkeit zu einer sexuellen oder romantischen Minderheit immer noch für so exotisch befunden wird, dass manche Leute einen fast ausschließlich mit dieser Zugehörigkeit assoziieren. Warum wird die Homosexualität einer Judith Butler dermaßen betont bei der Beurteilung ihrer wissenschaftlichen Arbeit? Und warum regen sich dieselben Leute, die die Homosexualität einer Person bei der Beurteilung ihres professionellen Schaffens so hervorheben, darüber auf, wenn Homo(a)sexuelle selbst ihre queere Identität betonen? Dann werden diese sofort an den Pranger gestellt, weil sie sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollen.

In der interkulturellen Kommunikation könnten wir an dieser Stelle, nach dem Phasen-Modell interkulturellen Lernens von Milton Bennett, von einem Wechselspiel zwischen Denial und Defense sprechen. Denial ist die erste Phase des Modells und beschreibt einen Zustand, indem kulturelle Unterschiede nicht oder nur selektiv oder oberflächlich wahrgenommen werden und die Sensibilität für andere Kulturen nur sehr schwach ausgeprägt ist. In der Defense-Phase hingegen werden kulturelle Unterschiede zugestanden, allerdings werden sie negativ beurteilt. Um dies auf den Umgang mit sexuellen/romantischen und Gender-Minderheiten (ich schaffe jetzt mal einfachheitshalber diesen Begriff) zu übertragen, würde ich sagen, dass wir momentan mit zwei problematischen Reaktionen bzw. Positionen zu kämpfen haben:

  1. Die Ansicht, dass heutzutage keinerlei Diskriminierung und Ausgrenzung von solchen Minderheiten stattfindet und wir alle gleich sind.
  2. Die Ansicht, dass wir uns selbst ausgrenzen und unsere Lebensformen keine Daseinsberechtigung haben, wobei diese Haltung sich nicht unbedingt in Gewalt oder offener Schikane ausdrückt.

Diese zwei Einstellungen wirken zunächst harmlos, sind aber beide problematisch, da sie die Realität nicht anerkennen, akzeptieren und/oder respektieren.

* zwar nicht wahnsinnig viel, aber ein Fortschritt ist deutlich zu erkennen