Ist Asexualität queer bzw. Teil der LGBT-Community?

Im Rahmen der diesjährigen AktivistA 2015 wurde ein Workshop von tschellufjek zum Thema „Wir und Queer“ angeboten. Kern des Workshops war die Frage, ob sich die Asexualitätscommunity als queer und als Teil der LGBT-Community versteht. Bevor ich zur eigentlichen Fragestellung komme, möchte ich jedoch die Begriffe zunächst für Nichtwissende erläutern.

Das Wort „Queer“ ist ein ursprünglich englischsprachiges Wort, welches wörtlich übersetzt „seltsam“ oder „sonderbar“ heißt. Es wurde lange Zeit in einem negativem Sinne genutzt, um abfällig über Menschen (z.B. Homosexuelle) zu reden, die irgendwie anders waren. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff eine Bedeutungsänderung und bezeichnet heute im neutralen Sinne Menschen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Hiermit sind insbesondere sexuelle Orientierungen wie Homosexualität oder Bisexualität, sowie Abweichungen in der Geschlechtsidentität wie Transsexualität oder nichtbinäre Identitäten gemeint.

Der Begriff „LGBT“ ist eine englischsprachige Abkürzung für die Begriffe Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. Er bezeichnet damit eine Sammlung von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. Gelegentlich wird der Begriff um weitere Buchstaben wie LSBTTIQ (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell, Queer) erweitert. Der Begriff wird vor allem im politischen Bereich genutzt, um zu signalisieren, dass alle Einzelidentitäten Gemeinsamkeiten besitzen, die ein Vorgehen als Gesamtgruppe sinnvoll werden lassen. Häufig ist hiermit das öffentlichkeitswirksame Ansprechen von Diskriminierung und der politischer Einfluss in Parlamente verbunden.

Die für diesen Blog bedeutende Frage ist: Sind Asexuelle Teil der LGBT-Gemeinschaft bzw. sind Asexuelle queer?

Die Beantwortung der Frage ist meines Erachtens direkt mit dem Selbstverständnis von Asexuellen und der Definition von Asexualität verbunden. In der internationalen Community wird Asexualität als Abwesenheit von sexueller Anziehung definiert. So wie sich Homosexuelle von Menschen des gleichen Geschlechts sexuell angezogen fühlen, so fühlen sich Asexuelle von gar keinen Menschen sexuell angezogen. Asexualität hat demnach den Status einer sexuellen Orientierung und ist damit gleichwertig zu Homo- und Bisexualität zu führen.

Wissenschaftlich belegt ist die Tatsache, dass offen lebende Asexuelle gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt sind (siehe z.B. [1] und [2]). Asexuelle weichen also nicht nur offensichtlich von der sexuellen Norm ab, sondern leiden bei offen gelebter Asexualität auch unter deren Machtstrukturen. Asexualität wird in medizinischen Kreisen immer noch mit einer Störung oder Krankheit verbunden: es wird versucht sie zu heilen statt zu akzeptieren. Dies sind ähnliche Probleme, wie sie auch andere sexuelle Orientierungen erleben bzw. erlebten.

Wenn eine Gruppe gemeinsame Probleme und Diskriminierungserfahrungen teilt, ist es sinnvoll dagegen gemeinsam vorzugehen. In demokratischen Systemen, in denen es um die Suche nach Mehrheiten geht, fallen Einzelinteressen schnell unter den Parlamentstisch. Es ist deswegen meiner Meinung nach nicht nur thematisch richtig, dass sich Asexuelle als Teil der LGBT-Bewegung sehen, sondern auch ganz pragmatisch in ihrem Interesse, wenn sie eine Wandlung im gesellschaftlichen Bewusstsein anstreben möchten.

Auch AktivistA als Verein für die Sichtbarmachung für Asexualität spricht sich für die Einsortierung von Asexualität unter den queeren Schirm aus. Es soll dabei allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass ich selbst dort Mitglied (und seit gestern zweiter Vorsitzender) bin.

Gelegentlich finden sich Stimmen von Asexuellen, die sich selbst nicht als queer oder Teil der LGBT-Community sehen. Die Einstellung wird häufig damit begründet, dass sie persönlich keine Verbindung zu Queer-Gruppen haben möchten und insbesondere die offene Auslebung von Sexualität auf den Christopher Street Days abschreckend finden. Das ist eine legitime Einstellung, der ich nicht widersprechen möchte. Es ist allerdings auch eine Individualeinstellung, die ein wenig an der Fragestellung vorbei geht. Nur weil man Asexualität als Teil der LGBT-Identitäten sieht, muss es nicht heißen, dass auf individueller Ebene jede*r Asexuelle sich als Teil der LGBT-Community sehen muss. Unter gleicher Logik gibt es auch einige Homosexuelle, die sich nicht als queer oder Teil der LGBT-Community begreifen, obwohl Homosexualität als Identität und Struktur unter den LGBT-Schirm fällt.

Mein persönliches Fazit: Asexualität als Identität kann von einer Inklusion in den LGBT-Schirm nur profitieren. Nicht jede*r Asexuelle muss sich als Teil der LGBT-Community sehen, aber ein gemeinsames politisches Engagement hilft allen Gruppen, um politische Forderungen und gesellschaftliche Aufklärung voranzutreiben.

Quellen:

  • [1]: Prause, N. & Graham, C.. „Asexuality: classification and characterization“, Archives of Sexual Behavior, 36(3) (2007)
  • [2] Group Processes Intergroup Relations-2012-MacInnis-136843021244241
Advertisements

4 Kommentare zu “Ist Asexualität queer bzw. Teil der LGBT-Community?”

  1. >Das ist eine legitime Einstellung, der ich nicht widersprechen möchte. >Es ist allerdings auch eine Individualeinstellung, die ein wenig an der >Fragestellung vorbei geht.

    Warum sollte das eine „Individualeinstellung, die an der Fragestellung vorbei geht“ sein? Es kann schon sein, daß dieser Teil der Asexuellen weniger Veranlassung dazu sieht sich auf der „politischen Bühne“ zu äußern (u.a. womöglich auch deswegen weil sie sich gar nicht so stark als ausgegrenzt und diskriminiert erleben wie es hier dargestellt wird) aber das gibt niemandem das Recht den Umstand, daß Menschen dort explizit nicht einsortiert werden wollen zu ignorieren.

    Wenn man z.B. davon ausgeht (halte diese Schätzung auf Grundlage der bisherigen Ergebnisse der Umfragen im Forum für halbwegs realistisch), daß irgendwo im Bereich von 40-60% der Asexuellen nichts mit der LGBT-Bewegung anfangen können (von den wirklich aktiven Mitgliedern, die dann irgendwo im untereren einstelligen Prozentbereich der Gesamtpopulation liegen dürften ganz zu schweigen) und erst recht nichts mit dem neuerdings wiederum damit assoziierten Queer-Feminismus zu tun haben wollen können oder diesen sogar als abwertend bis diskriminierend bewerten würden hat das selbstverständlich eine ganz erhebliche Relevanz im Hinblick darauf welchen Gruppierungen und politischen Forderungen man sich im Namen „der Asexuellen“ oder „der Asexualität“ anschließen sollte.

    Wenn bestimmte Asexuelle gewisse politische Einstellungen und Forderungen vertreten ist das deren Privatsache und sollte dann aber auch als eine private Einstellung kommuniziert werden (es spricht ja z.B. auch nichts gegen einen „Queer-Asexuellen Verein“ zu gründen oder asexuelle Gruppen innerhalb von Parteien etc. pp).

    Wenn man aber im Namen der Asexuellen sprechen möchte kann man Asexualität nicht einfach global als ein Sub-Phänomen unter irgendeinen anderen „Schirm“ packen schon gar nicht wenn es dabei dann um das politische Programm konkreter Parteien geht.

    Die Vorbehalte gegenüber dem CSD sind übrigens auch insofern ein gutes Beispiel, als es eine erhebliche Anzahl an Homosexuellen geben dürfte, die unter den Assoziationen, die durch diese Paraden geweckt werden zu Leiden haben. Asexuelle homoromantische Menschen trifft das dann gleich doppelt so stark.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s