Warum Asexualität keine Antisexualität ist

oder: Warum A*-Kategorien keine Antihaltung begründen

Ich werde im Laufe der nächsten Absätze häufiger das Wort A*-Menschen nutzen. Mit A*-Menschen meine ich Menschen, die sich einer A*-Kategorie zugeordnet fühlen. A*-Kategorien sind alle Kategorien, die im Bereich der sexuellen Orientierung mit einer „a“-Vorsilbe betitelt werden, insbesondere Asexualität, Aromantik und Aplatonik.

A*-Menschen ist gemein, dass sie einen Grad des Nichtverlangens teilen. Dieses Nichtverlangen drückt sich zum Beispiel dadurch aus, keine sexuelle Erregung, kein Bedürfnis nach romantischen Beziehungen oder kein Bedürfnis nach Freundschaften zu verspüren. A*-Menschen wählen ihre A*-Zugehörigkeit nicht bewusst aus Überzeugung, sondern sie ist ihnen (möglicherweise seit Geburt) vorgegeben.

In der Gesellschaft, wie auch innerhalb der verschiedenen A*-Communities, wird die Existenz eines Nichtverlangens häufig mit der Ablehnung der Tätigkeiten gleichgesetzt, die auf diesem Verlangen aufbauen. So wird Asexuellen nachgesagt, sie würden Sex grundsätzlich ablehnen oder einen Ekel davor verspüren. Dies ist nicht korrekt.

Asexuelle verspüren kein Verlangen nach sexueller Interaktion und/oder keine sexuelle Anziehung zu Menschen jeglichen Geschlechts. Dies bedeutet nicht zwangsweise, dass Asexuelle keinen Sex haben. Viele Asexuelle führen sexuelle Handlungen durch; sei es zur Befriedigung einer sexuellen Partner*in oder ihrer eigenen Libido, obwohl sie sich nicht durch andere Menschen angezogen fühlen. Ebenso ist sexuelle Erregung durch Objektfetische denkbar. Sex wird also nicht abgelehnt und kann durchaus Spaß machen – es ist nur kein Verlangen oder keine Anziehung zu anderen vorhanden.

Nicht-A*-Menschen ist dieser Unterschied gelegentlich schwierig zu vermitteln. Sexuelle Menschen können sich kaum bis gar nicht vorstellen, wie es ist, kein sexuelles Verlangen zu empfinden. Selbst wenn man Menschen erklärt, dass hieraus keine zwingende Ablehnung von Sexualität folgt, so scheint es nur Vorstellungen zwischen positiver und negativer Beziehung zu Sexualität zu geben.

Das Nichtvorhandensein einer Empfindung ist ein Zustand, der einigen Menschen noch fremder und unangenehmer ist als Ablehnung. Nicht grundlos ist das Adjektiv „gefühlslos“ negativ besetzt. Wer nicht fühlt, wer nicht mit Leidenschaft liebt oder hasst, der kann nach allgemeiner Auffassung kein guter Mensch sein. Belege für diese These werden natürlich nicht vorgelegt. Wenn in der alltäglichen Kommunikation durch Gesten und Worte positive Gefühlsreaktionen ausbleiben, so wird dem Gegenüber nichts Gutes unterstellt. Im besten Fall ist er einfach „seltsam“, im schlechtesten Fall wird es als Desinteresse, Arroganz oder Antipathie gewertet.

A*-Menschen bleiben als Reaktion im Grunde nur zwei Dinge übrig: entweder sie vermeiden Kommunikation mit Nicht-A*-Menschen oder sie lernen die Dinge bewusst und berechnend anzuwenden, die andere Menschen auf unbewusster Ebene durchführen. Beides sind Verhaltensweisen, die aus Sicht von A*-Menschen nicht wünschenswert sind, denn A*-Menschen sind nicht verantwortlich für das Nichtvorhandensein ihrer Empfindung und selbst ,wenn sie es wären: es ist nichts Schlechtes daran.

Was bleibt? Viele Kommunikationsprobleme entstehen dadurch, dass die Existenz von A*-Charakteristika in der Gesellschaft weitestgehend unbekannt ist und deswegen bei der Bewertung einer Person nicht berücksichtigt werden. Dies wird sich nur ändern, wenn A*-Menschen damit beginnen, ihre Abweichung von der Norm öffentlich zu machen und darüber zu reden. Das Internet bietet hierfür geeignete Möglichkeiten, um gleichzeitig einen relativen Grad der Anonymität zu wahren. Hilfreich kann es auch sein, sich den vielen A*-Communities anzuschließen und an gemeinsamen Veranstaltungen teilzunehmen.

Aus einigen dieser Überlegungen hat sich der Aufbau dieser Webseite begründet. Über die Notwendigkeit von Aktivismus in A*-Kategorien habe ich schon am Beispiel von Asexualität gebloggt. Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an interessierte Menschen, die sich nicht der jeweiligen A*-Kategorie zugehörig fühlen, aber dennoch einen Teil dazu beitragen möchten, dass sich A*-Menschen in der Gesellschaft wohler fühlen.

Inspiriert wurde dieser Beitrag von Wir sind die Bösen von Carmilla de Winter.

Advertisements

11 Kommentare zu “Warum Asexualität keine Antisexualität ist”

  1. Ich bin auch aplatonisch. Das ist mir erst seit kurzem bewusst, es erklärt aber vieles.

    Leider wird das oftmals nicht anerkannt und als psychisch gestört wahrgenommen.
    Selbst in asexuellen Communities wird es nicht richtig ernst genommen. Anfangs hatte ich noch Schwierigkeiten, dazu zu stehen, mittlerweile fällt es mir aber leichter.
    Ein Problem ist es jedoch immer noch, wenn Menschen mit einem befreundet sein wollen und man nicht das zurückgeben kann, was man bekommt.

    Gefällt mir

  2. Eine Theorie, die den Unterschied recht deutlich macht, wäre die Biologische Begründung.

    Sexuelle Lust wird durch verschiedenste Nerven in erogenen Zonen, aber auch durch bestimmte Hormone wie Testosteron angeregt. Die dabei entstehenden Daten werden an bestimmten Stellen im Gehirn verarbeitet.

    Eine Zuordnung zu bestimmten Signalen erfolgt üblicherweise im Gehirn, etwa indem bestimmte (genetisch) abgespeicherte Attraktivitätsmerkmale abgerufen und der Sexualität zugeordnet sind. Deswegen sind dann eben manche Leute Hetero, andere homosexuell und andere bi. Bei einigen erfolgt keine Zuordnung dieser Attraktivitätsmerkmale zu der Sexualität, die Verarbeitung der sexuellen Lustsignale findet aber statt.

    Gefällt mir

  3. Zur eigenen Libido von Asexuellen: Nach meinem Verständnis bedeutet Libido doch gerade sexuelles Verlangen. Wenn jemand das hat, würde ich nicht sagen, dass er asexuell ist. Oder hab ich dich da missverstanden?

    Zu Fetischen (& Paraphilien): Hier würde ich auch nicht davon sprechen, dass jemand asexuell ist. Wenn jemand Lust empfindet, weil er beispielsweise ein Auto berührt, hat er nach meiner Definition eine Sexualität und ein sexuelles Verlangen. Hast du das anders gemeint oder würdest du es anders sehen?

    Gefällt mir

    1. Die Definition von Asexualität bezieht sich nach heutigem Stand nicht (zwingend) auf das Verlangen nach sexueller Befriedigung, sondern es wird von einer fehlenden sexuellen Anziehung zu anderen Menschen ausgegangen. Folglich kann eine Libido vorliegen, die zum Beispiel durch Selbstbefriedigung gestillt wird. Im Kern geht es also um die Unterscheidung von sexuellem Verlangen und sexueller Anziehung.

      Diese Definitionsgrundlage ist dann auch der Grund, weshalb Asexualität als sexuelle Orientierung geführt wird, denn es ist wie bei Homo- oder Bisexualität eine Aussage über das präferierte Geschlecht: nämlich gar keins.

      Gefällt 1 Person

  4. Zufällig über Twitter bin ich auf deinen Beitrag gestoßen und irgendwie hat er mich berührt.

    Wenn er ein Protest gegen eine übersexualisierte Zeit ist, dann ist alles OK.

    Auch wenn du damit sagen willst, dass der eine keinen Bock auf Musik hat und der andere halt kein Bock auf Sex, dann ist auch alles OK.

    Wenn er jedoch tiefes Nicht-Empfinden ausdrückt, dann hoffe ich, dass deine A*-Liste nicht zu lang ist und dein Leben andere überabzählbar unendliche Momente an Höhen und Tiefen für dich bereit hält.

    Zumindest „Alive“ hat den Sprung zurück ins Leben geschafft. Es bedeutet gerade nicht das Nichtvorhandensein von „live“, sondern ist zum Synonym geworden.

    Gefällt mir

  5. Woher kommt denn die Übersetzung Aplatonik? Platonik ist meines Wissens nach kein deutsches Wort und auch kein Englisches. Ich habe zu dem Begriff bei Google nur diesen Blog hier gefunden, aplatonic hat mich aber schon weiter gebracht. Vielleicht ist Aplatonisch passender?

    Gefällt mir

    1. Die Übersetzung stammt von mir. Ich hatte bei einigen Menschen aus der A*-Community nachgefragt, ob sie deutsche Übersetzungen kennen. Leider erfolglos. Aplatonisch passt natürlich auch, aber ist im Grunde genauso unbekannt.

      Gefällt mir

      1. Ich dachte nur, dass man Aplatonisch besser mit Platonisch in Verbindung bringt. Bei Platonik denke ich eher an Plattentektonik oder so. Nur als Anregung, ich bin nicht aplatonisch sondern asexuell und will das deshalb nicht definieren.

        Gefällt mir

      2. Na ja: aplatonisch ist das Adjektiv, korrelierend zu „aromantisch“, aber wenn du ein Substantiv haben willst, bleibt eigentlich nur „Aplatonik“ übrig, passend zu „Aromantik“.

        Der gute alte Platon würde sich wahrscheinlich im Grabe rumdrehen, denn der hat das alles ganz anders gemeint, aber am Ende ist es die Wortnutzung, die zählt, nicht das, was ein Typ in der Antike drüber gedacht hat.

        Gefällt mir

  6. Ja, da schreibst du einige wahre Dinge. Das erste Mal, als ich von Aplatonik gehört habe, musste ich mich auch am Kopf kratzen, genauso wie bei Leuten, die keine Musik mögen. Ich kann das absolut nicht begreifen, aber *schulterzuck*. Ich werde hoffentlich niemandem erzählen, dass si*er deswegen nicht existieren kann.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s